Funk

WESTDEUTSCHER RUNDFUNK

Mittwoch, 22. Januar, das Hörspiel:

Die Titelfrage des Hörspiels von Paul Wühr läßt sich leicht beantworten. Zu einem Zehntel ist die Frau namens Sheila eine Figur aus Papier, ihr Autor handelt eine Konstruktion ab. Sheila, lästig verheiratet und von dem, auch ihr selbst recht klaren, Wunsch erfüllt, sich von ihrem Mann zu befreien, schreibt einen Reißer. In diesem Buch vollziehen Ersatzgestalten das, was die Autorin nicht wirklich tun will. Klammer zwischen Romanhandlung und Realität ist der erdachte Liebhaber, der in fingierten Telefongesprächen dem Ehemann als real vorgetäuscht wird. Schreibend legt Sheila die Schienen, auf denen die tödlichen Zusammenstöße sich in der Wirklichkeit dann ereignen. Man sieht: es handelt sich um den umgekehrten Einfall, wie ihn Dürrenmatt in „Abend im Spätherbst“ verwandte. Dort muß der Verfasser von Kriminalgeschichten immer zuerst erleben, um dann das Erlebte zu beschreiben – erst Mord, dann Buch.

Zu neun Zehnteln bestand die Sheila des Hörspiels aus ihrer Darstellerin Joana Maria Gorvin. Frau Gorvin brachte das faszinierende Kunststück fertig, aus dem Papier Fleisch zu machen. Sie erreichte es sogar, soviel Klarheit in die Sache zu bringen, daß ein Zuhörer, der wirklich aufpaßte, sich mit der sonst reichlich verwirrenden Akkumulation von Personennamen zurechtfand. Denn jeder realen Figur entsprach hier eine Romanfigur – die behalte man einmal alle im Auge, wenn hektisch agiert – nein, über Hektisches nur berichtet wird. Joana Maria Gorvin verdankten Autor und Regisseur (Oswald Döpke), daß die Spannung hielt – und sei es nur, weil man gespannt darauf horchte, wie diese Schauspielerin siebzig Minuten lang Musik von einem Papier las, auf dem nur eine Konstruktionszeichnung stand.

R. H.