Von Edmund Wolf

Irgendwann in der Nacht – einer Nacht vom Samstag zum Sonntag – im August 1962 starb Marilyn Monroe. Unter den vielen Arzneimitteln bei ihrem Bett war ein leeres Fläschchen: Es hatte 25 Nembutalpillen enthalten. Ihre Hand war auf dem Telephon, als wäre sie bei einem zu späten Versuch, den Selbstmord ungeschehen zu machen, übermannt worden. Am Samstagabend, an dem (wie die amerikanische Schriftstellerin Diana Trilling schrieb) ganz Amerika die Verpflichtung zu sexueller Bewährung fühlt und niemand, der noch im Rennen ist, ohne „Date“, ohne Verabredung, bleibt, war diese legendär begehrenswerteste Frau Amerikas allein; und der sie übermannte, war der Tod. Bei ihrem Begräbnis erschien als der Hauptleidtragende der Baseballstar Joe di Maggio, von dem sie sich nach kurzer Ehe hatte scheiden lassen, weil er, selbst bei Mahlzeiten zu zweit, immer nur Zeitung las oder Fernsehen sah. „Ihr Mann jüngeren Datums (wieder zitiere ich Diana Trilling), mit Konversation, war nicht anwesend, ohne Zweifel aus privaten, unverletzlichen Gründen, aber es stimmte traurig.“

Arthur Miller, der Mann jüngeren Datums, hat nun die Privatsphäre nicht so unverletzlich gefunden, als daß er nicht jetzt mit einem Stück darüber herausgerückt wäre. „Nach dem Sündenfall“ nennt er es – („After the Fall“ im New Yorker Lincoln Center).

Der Stückeschreiber, wie der Geschichtenerzähler, braucht den Mut zur Indiskretion. Woher soll er’s denn nehmen, wenn nicht aus dem eigenen Leben? Wenn wir das Stück hierzulande sehen (es kann ja nicht lange auf sich warten lassen), könnte der eine oder der andere vielleicht empfinden, daß an Marilyn Monroes Leben und Tod nichts so wichtig war wie die Tatsache, daß sie dem Autor von „Tod des Handlungsreisenden“ und „Hexenjagd“ nach neunjährigem Schweigen wieder etwas auf der Bühne zu sagen gab.

Gerade darum ist dies vielleicht der letzte Augenblick zu einer Liebeserklärung. Ich traf Marilyn Monroe nur einmal, bei einer Presseparty in London, vor der Uraufführung ihres Films mit Laurence Olivier „The Prince and the Showgirl“.

Der große Sir Laurence hatte sie während der (bei ihr wie immer) sehr schwierigen und langwierigen Arbeit von Herzen hassen gelernt. Und die Herren und Damen von der Presse stürzten sich mit Waidmannsheil auf sie.

Was hatte sie sich denn auch nicht alles herausgenommen! Die „Sexbombe“ hatte im Actor’s Studio in New York studiert und wollte eine richtige Schauspielerin werden. Sie hatte Arthur Miller geheiratet. Sie hatte gesagt, sie wolle die Gruschenka aus Dostojewskijs „Die Brüder Karamasow“ spielen. Sie hatte behauptet, Beethoven gern zu haben.