Dank für Deinen Brief,

mein Herz (Dich so zu nennen – das ist die Kühnheit der Distanz!). Und Dank dafür, daß Du mir, als Kritik des unlängst Geschriebenen, das englische Wort „wistful“ wiedergegeben hast; ich hatte es vergessen. „Wistful“ sei ich also – schmerzlich lächelnd; oder meinst Du: kokettierend mit diesem Schmerz? Jedenfalls danke ich Dir für die Warnung; ich will heute so sehr auf der Hut sein, wie das unsereiner nun einmal sein muß, gegenüber Eurereinem; Eurer einer. Also, un-wistfully:

Der Einsame treibt hier so seine Spiele. Zwei verspätete Zugvögel kamen gestern vorüber – Österreicher, Dramatiker, auf dem Weg zu einem Kongreß dieser Zunft in Rom. Sie sind leidenschaftliche Automobilisten, wie sich das ziemt für Dramatiker, und da sie hier über Nacht zu rasten entschlossen waren, und da in unserem Literaturcafé „nix los is“, wie der eine mir, mich auf der Piazza erkennend, in ihrem unmenschlichen Idiom anklägerisch versicherte, und da meine kleine Wohnung ja doch nur fünf Gehminuten – kurzum, sie besuchten mich. Gerade als ich Deinen Brief bekommen und zweimal gelesen hatte und eine hastige Antwort schreiben wollte (wenigstens bezüglich jenes einen Punktes) – eben da kamen sie.

Was tat ich? Ach, Knabenstreiche. Ich müsse zur Post, so sagte ich – Dringlichkeiten vorschützend, Filmverhandlungen, Verlag, Amerika, so rüstig stand man in Lebens Mitten – und ging nicht zur Post, der Brief war ja noch nicht geschrieben, ich tat nur so, als verließe ich das Haus, aber durch die Gartentür ging ich auf den Zehenspitzen in mein anderes Zimmer, das Du kennst, es liegt neben dem von meinen Gästen besessenen, und lautlos –

Nein. Ich schrieb nicht den Brief an Dich. Ich hatte nicht bedacht, daß dieses windig für Sommergäste gebaute Haus kein Geheimnis kennt.

Da saßen sie nebenan und plauderten – da saß ich nebenan und schämte mich, daß ich horchte, und mußte horchen, und schrieb Dir nicht.

Statt dessen – ja, ich schrieb nieder, was sie sagten. Da ist es – und daß Du jenes Idiom so wenig kennst wie ich selbst, ermutigt mich zu einer Niederschrift, für die mich jeder Wiener verachten würde (aber wie weit ist Wien!).

A. (nach einem Schweigen, von dem ich nicht weiß, wie lang es gedauert hatte): Hat er g’sagt: zur Post?

B. Bier wahrscheinlich.

A. Was?

B. Hat ka Bier im Haus. Holt ein paar Flaschen Bier.

A. Is ja eh wurscht.

B. Mir is das nicht wurscht, Bier. Das Zeugs da – was hat er uns da herg’stellt? Grappa. Macht einen nur durstig. (Dennoch, ich hörte Glas an Glas.)

A. Das kostet hier – Pfennige kostet das hier, sag ich dir.

B. Hier kostet überhaupt nichts Pfennige.

A. (ich hörte wieder das Glas) ... Brrr. Scheißlich ... Hat der eigentlich je ein Stück g’schrieben?

B. Weiß nicht. Was G’scheites jedenfalls nicht, sonst wüßt’ ichs. Der hat ja seit Jahren überhaupt nichts mehr g’schrieben. Seit Jahren.

A. Ist ja wurscht. Dramatiker sind eh wurscht.

B. Wieso? Also da kenn ich einen Nachwuchs, den haben wir in Linz für’n Linzer Stadtpreis eingegeben g’habt, der ist also schon sehr begabt. Sehr.

A. Wer? Der?Ah jo, den kenn’ ich nicht. Aber in Wien, da kann man ja keine Uraufführung mehr auffülirn lassen. Also der Häußermann –

B. No ja, der Häußermann. Gib noch amal die Flaschen.

A. Brr. Also wenn das da acht Franken die Flaschen kostet – da freß ich ja an Besen.

B. Was verdient denn der? Verdienen kann er ja nix.

A. Also Josef, wenn ich dich war – wenn ich du wär: In Wien nicht!

B. Geh ich eh nicht hin. Mein letztes Stück, das haben’s mir ja in Wien aus der Hand g’rissen, unbedingt für die Festwochen haben sie’s wollen. Aber ich – nein. Linz.

A. No ja, Festwochen, das is ja eh alles wurscht.

B. Also Linz ist nicht besser. Für einen Linzer in Linz – nie mehr. Im Ausland, eine reichsdeutsche Uraufführung – das ja.

A. Ja, du, mit deine Premieren in Bremerhaven, also das ist ja tiefste Provinz, das ist ja doch ganz wurscht, das merkt ja ka Mensch, so eine Provinz is das.

B. Aber gute Kritiken hab’ i kriegt.

A. In Bremerhaven!

B. Aber bitte, wenn dann das Stück nachher nach Wien kommt oder nach Linz – da trauen’s sich nicht mehr zu ein großen Verriß. Währenddem, wenn man in Linz beginnt – also da hab ich ja eine Kritik kriegt, eine ganz große Unverschämtheit war das, wie die das g’macht haben.

A. Dafür brauch ich doch kein Kritiker. Daß ich ein Trottel bin, das sagen mir die Kollegen eh viel besser. Ein Kritiker brauch ich dafür nicht. Kritiker sind eh wurscht.

B. Aber bitte, die sind sich ja nicht einmal einig. Eine Kritik hab ich kriegt in Linz, das war aber schon sehr gut. „Dieses Stück wird mit flammenden Lettern...!“ „Ein Fanal zur Bewältigung der .. .!“ Du weißt schon. Und so weiter. So war das. Das ist ja, was ich dem Ricardo so übelnehm. Ein Schriftsteller muß sich engagieren heute. Hab i recht?

A. Recht hast. Was ist mit’n Ricardo?

B. Nicht engagieren tut er sich! Nach dem, was wir alles erlitten haben – hab i recht? – nehm ich es ein jeden Schriftsteller übel, wenn er sich nicht – (Wieder das Glas)

A. No ja.

B. Also jetzt kommt mein Stück ja in New York.

A. Ah?

B. Gleich hab ich mein Agenten g’sagt: Wann’st das Stück in New York bringen laßt – nur off Broadway. Also nicht am Broadway direkt. Das lehn’ ich ab, weißt. Off Broadway haben’s so ein nettes kleines Theater, das ist viel besser, net wohr. Nie ein Theaterstück am Broadway. Das lehn’ ich ab, hab ich ihm g’sagt.

A. New York ist kein Pflaster für ein Stück. Das merkt in Europa kein Mensch.

B Na und Paris?

A. Paris ist auch kein Pflaster. Wann ein Stück in Paris ankommt, wird es gleich in New York verrissen.

B. Recht hast. Aber wo soll man hin mit seine Stücke?

A. Eben. Als Dramatiker kann ma ja nicht in die leere Luft schreiben. (Glas) Scheißlich.

B. Und Hamburg?

A. Das tat mir fehlen. Der Schuh! Und Berlin geht auch nicht. Das ist eine Inselstadt und da sitzt der Luft. (Glas) Das merken die Leut ja auch nicht, was die machen in Berlin.

B. Und Zürich is ausabonniert. Der Frisch und der Dürrenmatt, der Kotzbrocken. Sonst nix. No ja, das sind ihre Leut. Ich wenn ich dich wär, wo du doch in München lebst – was lachst denn? [Hier hörte ich Schritte. Trat einer der beiden ans Bücherbord?)

B. Schaust was nach?

A. Ob er noch das Stück hat, das Buch, weißt, was ich ihm einmal g’widmet hab. – Hat er nicht da.

B. Ich schick’ ihm eh nix.

A. Aber Uraufführung ist ja eh wurscht. Hauptsache ist, das Stück wird nachg’spielt.

B. Das ist die Hauptsache. Wo gehst also du hin?

A. Nach Oslo! Da hab’ ich eh kein Boden unter die Füß, und verstehn kann ich auch nix. Da fühl ich mich wohl, da fahr ich sogar hin zur Premiere.

B. Nach Oslo. Und von Oslo gehst mit dem Stück nach Wien?

A. Aber woher denn. In Wien merken’s das doch gar nicht, wenn was in Oslo g’wesen ist. Die wissen gar nicht, daß es dort ein Theater gibt in Oslo. Ich geh nach Oslo oder nach Ostende.

B. Ostende? Geh mach kan Gspaß.

A. Ostende! Zum Beispiel! In ein Kurort mit einer Saison mußt gehn! Da hast das ganze Geheimnis. Auch Provinz, geb ich zu – aber das is fesch, so im Sommer, da bist wer, in so ein Kurort, da hat nämlich immer schon die Kurverwaltung –

B. Mit einer Welturaufführung?

A. Aber geh – Welturaufführung ist ja doch ganz wurscht! Verstehst das noch immer nicht?

B. Er kommt, mit’n Bier.

A. Also da freß ich ein Besen, wenn der wirklich –

Ich hatte mich erhoben, und nun ging ich hinein, und da hast Du es nun, Geliebte. Ungekürzt. So pointenlos ist die Wirklichkeit. Andererseits – You mustn’t be wistful! Aber Du siehst es: dann bleibt einem für das wirklich zu Sagende kein Raum mehr – wenn dieser Brief je ein Ende haben soll. Und dabei hatte ich Dir.doch all das Dringende, all das Wichtige sagen wollen, Liebste, nach dem Du in Deinem Briefe fragst. Zum Beispiel – aber nein! Nächstens! Nicht heute! Nein!

Dein, wie immer,

Italo