Obwohl man in Amerika durch ein beiläufiges Erwähnen des Namens Brecht sowohl auf seine literarische Bildung wie auch seine politische Unvoreingenommenheit hindeuten kann, haben sich seine Stücke am Theater noch keineswegs durchgesetzt. Seit seinen letzten Halb- und Mißerfolgen auf New Yorker Bühnen verlauteten Stimmen, daß eine Brechtsche Inszenierung, die in Amerika zu einem Kassenerfolg führen würde, künstlerisch eine Niete sein müßte. Die ärgerliche Dialektik solcher Aussprüche mag übertrieben sein, und doch ist es bezeichnend, daß Brecht vom breiten amerikanischen Publikum sieben Jahre nach seinem Tod noch als ein schwer verdaulicher Avantgardist angesehen wird. Nur wenige Produzenten wagen sich an seine Stücke heran, und sein potentielles Publikum ist auf die Lektüre seines Werkes angewiesen. Einen direkteren Zugang bieten die Plattenaufnahmen

Bentley on Brecht (Songs and Poems of the great German writer Bertolt Brecht adapted and performed by Eric Bentley; Riverside RM 7017, Modern Voices Series);

Bertolt Brecht’s A Man ’s A Man (Adapted by Eric Bentley; Spoken Arts 870);

Bertolt Brecht Before The Committee on Un-American Activities (An Historical Encounter, Presented by Eric Bentley; Folkways Records FD 5531).

Der Titel der ersten Platte, Bentley on Brecht, ist eine leicht ironische Bezugnahme auf eine vor kurzem in New York gelaufene quasi-dramatische Brechtveranstaltung, die sich Brecht on Brecht nannte und aus einer raffinierten Zusammenstellung Brechtscher Szenen und Gedankensplitter bestand. Dabei war die Auswahl so getroffen worden, daß ja nichts angetastet wurde, was dem amerikanischen Publikum wirklich lieb und teuer ist. Bentley geht direkter vor. Er bietet, ohne mit dem Publikumsgeschmack zu kokettieren, einen Brecht, wie er wirklich war. Die Platte enthält Lieder und Gedichte Brechts, die meisten in musikalischen Fassungen von Weill, Eisler, Dessau und anderen. Bentley selbst singt und rezitiert und begleitet sich dazu auf verschiedenen Instrumenten, darunter einem unglaublich authentisch klingenden alten Harmonium.

Die zweite Platte ist eine Aufnahme der Bentleyschen Fassung von Brechts „Mann ist Mann“, die im Herbst 1962 in einem New Yorker Theater mit schönem Erfolg lief und dabei trotzdem – im Widerspruch zu den eingangs zitierten bitteren Spöttern – authentisch war, und auch die anspruchsvolleren Brecht-Verehrer befriedigt hat.

Die dritte Platte ist eine besondere dramatische Kostbarkeit. Sie bringt eine nie verfaßte, nie einstudierte Groteske, in der Bertolt Brecht die Hauptrolle spielt: die vollständige Aufnahme seines tatsächlichen Verhörs vor dem Kongreßausschuß für „unamerikanische Umtriebe“ im Oktober 1947. Brecht hatte sich vor dem berüchtigten Ausschuß über die mutmaßlichen bolschewistischen Tendenzen in seinem Werk und über seine Beziehungen zu rötlichen Elementen der amerikanischen Filmwelt zu verantworten. Die ganze Verhörszene war auf Tonband aufgenommen worden und liegt nun dem Publikum vor. In seinen einführenden Hinweisen und in den Erklärungen während der Szene selbst teilt Bentley viele Einzelheiten mit, hinter denen solide Forschung steckt und die die Platte auch Literaturwissenschaftlern zu einer wertvollen Quelle machen wird. Beim Anhören wird man zunächst an manche der Kreuzverhöre erinnert, die der brave Soldat Schwejk vor Leutnant Dub und dem Feldkurat Katz zu bestehen hatte. Das zahlreich zu diesem Verhör erschienene Publikum im Hintergrund war hörbar amüsiert, aber dann wird man nachdenklich. Macht sich Brecht über die Situation wirklich nur lustig? Ist es möglich, daß er mit ungeheurer Selbstbeherrschung da eine Stunde lang den unbeholfenen dummen August spielte? Oder war die Situation für ihn so bedrückend, daß er den Unbeholfenen gar nicht zu spielen brauchte? Die Ausschußmitglieder wußten offenbar nicht recht, was sie mit ihm anfangen sollten, und entließen ihn schließlich mit rührend ehrlichen Komplimenten für sein korrektes Verhalten. Er hatte ihnen jedenfalls nicht weitergeholfen in ihren Bestrebungen, „hochverräterische“ Umtriebe aufzudecken, deren Spuren sie sogar bis in die Nähe der Mrs. Roosevelt führten!

Die Brechtsche Verhörszene ist, trotz allem Komischen, Irritierenden und Peinlichen, eine Auseinandersetzung zwischen Humanität und Barbarei – wobei gern eingeräumt wird, daß sich Brecht gegen die Zuordnung zu einem derart bürgerlichen Begriff wie dem der Humanität sicher verwahrt hätte. Es mag immerhin kein Zufall sein, daß er einen Tag nach dem Verhör seine Wanderung um die Welt fortsetzte und die Vereinigten Staaten verließ. Hugo Schmidt