Wir dürfen nicht annehmen, daß die marxistische Wahrheit von allen sofort verstanden wird. Es wird immer wieder Leute geben, die diese Wechselbeziehungen, diese Einheit aller Probleme negieren. Das sind diejenigen, die unter der Losung der „absoluten Freiheit“ ihre bürgerlichen Auffassungen und ihren Individualismus konservieren möchten, um sich der Einheit von Politik, Ökonomie und Kunst zu entziehen. Sie möchten sich im Grunde genommen in der umfassenden Vorwärtsbewegung ein Plätzchen suchen, an dem der mächtige Strom der gesellschaftlichen Entwicklung vorbeifließen soll. Anders gesagt: Sie legen die Zeit beginnender Entspannung in der Weltpolitik nach ihrem Gutdünken aus und meinen, daß nun auch der Zeitpunkt gekommen sei, um den Marxismus, die sozialistische Vorwärtsbewegung und sich selbst ideologisch zu „entspannen“.

Wir verstehen aber auch, daß die Entwicklung eines sozialistischen Standpunktes ein langwieriger und komplizierter Prozeß ist, der niemals mit administrativen Maßnahmen zu lösen ist, aber auch nicht ohne geistigen Streit, ohne Polemik. Darin besteht das Wesen unserer geistigen Entwicklung und die Methode des Marxismus-Leninismus.

In dieser Entwicklung befinden wir uns. Das geistige Leben entwickelt sich in aller Breite, fruchtbare Diskussionen über Literatur finden statt, neue Werke der dramatischen Kunst, der bildenden Kunst stehen zur Diskussion, die Volkskunst entwickelt sich und zieht immer breitere Kreise in ihren Bann. Da passiert es auch, daß manche Leute unter Breite und Weite des geistigen Lebens verstehen, bestimmte Erscheinungen, der westlichen Dekadenz einzuschmuggeln, die wahrlich nichts mit Weite, sondern mit Enge und Schematismus der bürgerlichen Ideologie zu tun haben.

An der Berliner Humboldt-Universität tritt seit einiger Zeit Genosse Prof. Dr. Havemann mit „Theorien“ zur Revision der marxistisch-leninistischen Politik und Philosophie unserer Partei auf. Er geht an den tiefgreifenden Veränderungen vorbei, die mit dem XX. und XXII. Parteitag der KPdSU eingeleitet wurden und alle schöpferischen Kräfte des Sowjetvolkes freilegten. Diese Veränderungen sind doch das Geheimnis der gewaltigen Erfolge der Sowjetunion auf allen Gebieten der Politik, der Ökonomie, in Wissenschaft und Technik, Kunst und Literatur. Er geht auch an der Tatsache vorbei, daß die Erfolge unserer Partei das Ergebnis der schöpferischen Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus unter den Bedingungen unseres Kampfes in Deutschland sind. Er negiert die schöpferische Arbeit der Parteiführung, wie das neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft, die Arbeit zur Entwicklung der deutschen Nationalkultur und zahlreiche andere Probleme, mit denen sich das Zentralkomitee besonders seit dem VI. Parteitag beschäftigt. Warum negiert er das alles? Weil für ihn der Dogmatismus eine dem Marxismus-Leninismus innewohnende Erscheinung sei, wie er sagt. Seine Vorlesungen über Philosophie gipfeln in der Schlußfolgerung, daß nur der dialektische Materialismus über Bord gehen müßte. Hier geht es also nicht mehr um schöpferische Diskussionen, sondern um grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten mit der Linie der Partei und der Theorie des Marxismus-Leninismus. Daraus kann doch nur gefolgert werden, daß er unter der Flagge des Kampfes gegen den Dogmatismus unsere Politik ändern will.

In seinen philosophischen Vorlesungen vertritt er einen abstrakten Begriff der Freiheit, ohne Beziehungen zur Klasse, zur Parteilichkeit für den Fortschritt und die Sache des Friedens. Für ihn ist die Freiheit nur das individualistische Streben des einzelnen, ganz egal wohin und wofür.

Wir sind bereit, über den Begriff „Freiheit“ zu diskutieren. Für wahre Freiheit in Deutschland kämpfen wir, wie es die Kommunisten seit eh und je in Deutschland getan haben. Unsere Bürger werden in Westdeutschland verhaftet. Agenten machen Westberlin zum Stoßkeil gegen die Freiheit des Sozialismus. Der Revanchismus bedroht die Freiheit und die Unabhängigkeit der sozialistischen Völker. Die Werktätigen Westdeutschlands leben unter der Diktatur der Rüstungsmonopole, und die Ausbeutung raubt ihnen Freiheit und Menschenwürde. Und da sollen wir gezwungen werden, an diese Gesellschaft Vorleistungen zu bringen, und vor der imperialistischen Politik kapitulieren? Daraus wird nichts!

Es kann bei den Auffassungen des Genossen Havemann nicht übersehen werden, daß ein Zusammenhang zwischen einigen seiner revisionistischen Theorien mit Auffassungen besteht, die von Prag aus zu uns drangen.