Der einsame Entschluß eines jungen Russen gefährdete in der letzten Woche die Genfer Abrüstungskonferenz. Juri J. Nossenko, Mitglied der sowjetischen Delegation, wählte die Freiheit und schlüpfte unter die Fittiche des US-Geheimdienstes CIA. Sein Absprung war für die Sowjets höchst peinlich:

  • Nossenkos Vater liegt an der Kremlmauer begraben, war also einer der angesehensten Kommunisten.
  • Nossenko kannte Einzelheiten der sowjetischen Konferenzstrategie.
  • als Offizier der Geheimpolizei und der Abwehr hatte er die Namen von Sowjetspionen im Kopf.

Seine Delegationskollegen mochten ihren „Aufpasser“ zunächst nicht ungern vermißt haben. Erst nach 28 Stunden schlugen sie Alarm bei der Schweizer Polizei. Nossenko war längst über die Grenze. Die Sowjets wollten dem Schweizer Fahndungsdienst weder das Geburtsdatum nennen noch ein Bild des Vermißten herausrücken; sein Gepäck im Hotelzimmer hatten sie fortgeschafft. Nossenko, 36 Jahre alt, hatte Frau und zwei Kinder in Moskau zurückgelassen.

Delegationschef Zarapkin, halb vor Ärger, halb auf Befehl, trat den Schweizer Behörden undiplomatisch auf die Füße: Sie hätten Nossenko nicht genug beschützt und seine Entführung durch einen fremden Geheimdienst zugelassen. Empört erwiderte der Schweizer Bundesrat Wahlen: Diese Behauptungen seien unwahr und vertrügen sich nicht mit normalen diplomatischen Beziehungen.

Während Moskau an die Schweiz das unerfüllbare Verlangen richtete, Nossenko zurückzubringen, war dieser längst in Amerika. Mit finsterer Miene bestellte Sowjetaußenminister Gromyko US-Botschafter Kohler in den Kreml. Seine Diplomaten in Genf streuten das Gerücht aus, Moskau werde die Abrüstungs-Delegation zurückberufen.

Aber Washington ließ es dazu nicht kommen. Es wollte im Wahljahr weder die aussichtsreichen Konsulat- und Luftverkehrsverhandlungen in Moskau noch die Genfer Konferenz aufs Spiel setzen. Entgegen sonstigen Gepflogenheiten erlaubten die US-Behörden einem Sowjetdiplomaten, eine Stunde lang mit dem Überläufer zu sprechen. Nossenko versicherte ihm, er habe aus freien Stücken in den USA um Asyl ersucht.

Dem Schein war damit Genüge getan. Da Nossenko nicht entführt sein wollte, sah Moskau keinen Grund mehr, die Abrüstungskonferenz platzen zu lassen. Allerdings geriet Moskaus Konferenzplan durcheinander. Einige Tage nach Nossenkos Verschwinden ersetzten die Sowjets ihre Forderung nach gegenseitigem Truppenabzug, die an der Spitze ihrer Wunschliste stand, ohne Vorankündigung durch den Punkt „Kürzung der Militärbudgets“. Der Grund: Nossenko wußte vermutlich zuviel über die Stärke der Sowjettruppen im Ausland.