Der Präsident des SPD-Parteitages in Bad Godesberg, Max Seidel, hatte nicht zuviel versprochen. „Es ist der feste Wille dieses Parteitags“, so hatte er erklärt, „seine neu zu wählenden Führungskräfte mit dem größten Vertrauensbeweis auszustatten.“ Niemand hatte daran gezweifelt, daß Willy Brandt zum Vorsitzenden, daß Fritz Erler und Herbert Wehner zu Stellvertretern gewählt würden, aber selbst Optimisten hatten kaum mit diesem Ergebnis gerechnet: Brandt erhielt 320 von 334 Stimmen, Erler wurde mit 319, Wehner mit 302 Stimmen gewählt – ein Resultat, an dem sich nicht rütteln und deuteln läßt. Die SPD hat aufs neue bewiesen, daß sie die disziplinierteste Partei in der Bundesrepublik ist.

Sollte die SPD tatsächlich das von Brandt gesteckte Ziel erreichen und 1965 stärkste Wählerpartei werden, so wird sie es nicht zuletzt dieser Disziplin zu verdanken haben. Die Parteidisziplin mag schwerer ins Gewicht fallen als eigene politische Ideen, schwerer auch als die Person des Kanzlerkandidaten und Parteiführers. Im Programm sind die beiden großen Parteien der Bundesrepublik für den Wähler kaum mehr unterscheidbar; in der Popularität der Kanzlerkandidaten von 1965 – Erhard und Brandt – hat die CDU/CSU immer noch den stärkeren Trumpf in der Geschlossenheit des Handelns aber scheint die SPD überlegen zu sein.

Nur die SPD konnte es sich wohl leisten, ein Triumvirat an die Spitze der Partei zu stellen, für das, wie Carlo Schmid es formulierte, das „Gesetz der Kameradschaft“ verbindlich sein soll. In der Tat hat Fraktionschef Fritz Erler, ein Mann von außergewöhnlicher intellektueller Fertigkeit, jeden Versuch, ihn als Rivalen von Brandt ins Spiel zu bringen, von vornherein vereitelt, und auch Herbert Wehner, der die Partei organisatorisch an kurzem Zügel hält, hat nie Zweifel daran gelassen, daß er das Amt des Parteiführers nicht erstrebt. Trotzdem bleibt das Triumvirat, ein Wagnis, eine Lösung auf Zeit; vom Ergebnis der Bundestagswahlen wird es abhängen, wer in zwei Jahren der erste unter den Dreien ist.

Brandt hat klargemacht, daß er nicht eine Art „Bundespräsident der SPD“, nicht nur „proforma“ -Vorsitzender sein will. Und die „neue politische Offensive“, die er ankündigte, scheint tatsächlich mehr zu sein als eine obligate Parteitagsfloskel. Nicht mehr Umarmung des Gegners heißt nun die Parole; die Kritik an der Bundesregierung soll „deutlich“ sein. Dieses Wort läßt hoffen. Hoffen läßt auch Brandts Äußerung, die SPD müsse zuerst die Wahlen gewinnen, ehe man über Koalitionsfragen reden könne. Nicht Anpassung, sondern Kritik, nicht taktisches Schielen nach künftigen kleinen oder großen Koalitionspartnern, sondern Angriff – sollte die Bundesrepublik tatsächlich wieder eine schlagkräftige Oppositionspartei bekommen?

Zuviel freilich darf man von Willy Brandt nicht erwarten. Als Regierender Bürgermeister von Berlin muß er Rücksicht nehmen. Berlin wird außenpolitisch vom Bund vertreten. Und in allen Fragen, die Berlin tangieren – wozu praktisch die ganze Deutschlandpolitik gehört – kann und will der Regierende Bürgermeister nur in engem Einverständnis mit Bonn handeln – und reden. Gerade in der Deutschlandpolitik jedoch, die jetzt wieder in Bewegung geraten ist, scheiden sich die politischen Geister. Aber sie scheiden sich nicht an Brandt. Er kann in Berlin nicht zum Angriff blasen, sondern muß in Orakelsprüchen reden und fein nuancierte Erklärungen abgeben, die erst mühsam interpretiert werden müssen. Wer will einem gemeinsamen Kommuniqué der Bundesregierung und des Berliner Senats ansehen, ob es der Regierende Bürgermeister zähneknirschend oder mit innerer Befriedigung gebilligt hat? Wer weiß, in welchem Halbsatz die Opposition steckt?

Beängstigend ist auch die Arbeitslast, die Willy Brandt sich aufgebürdet hat. Drei Tage in Berlin als Regierender Bürgermeister, zwei Tage in Bonn als Parteivorsitzender, zwei Tage auf Reisen als Kanzlerkandidat – das ist ein Pensum, das auch für eine so robuste Natur wie Brandt auf die Dauer zuviel werden muß. Dabei ist weniger zu befürchten, daß Berlin zu kurz käme, im Gegenteil: die Stadt mag vom direkten Draht nach Bonn profitieren. Fraglich ist vielmehr, ob es Brandt gelingen wird, die Partei so in den Griff zu bekommen, wie es ihm vorschwebt.

Parteivorsitzender mag Brandt nun sein, ein primus inter pares – und das ist mehr, als Ollenhauer zu erreichen vergönnt war. Parteiführer aber kann er wohl nur dann werden, wenn die SPD die nächste Wahl gewonnen hat.

Rolf Zundel