Über Bildungsziele spricht man abstrahierend theoretisch. Um diese Ziele zu erreichen, sind konkret praktische Schritte notwendig. Brücken zwischen diesen beiden voneinander grundverschiedenen Einstellungen zur Wirklichkeit zu bauen, will uns mehr und mehr als wichtigste Aufgabe überall dort erscheinen, wo es in Deutschland um Erziehung und Bildung geht. Im Brennpunkt des Gesprächs stehe daher in dieser Woche ein Antrag, der nach praktisch-konkreten Möglichkeiten sucht, das Studium der Geisteswissenschaften, das während der letzten zehn Jahre eigenartige Wachstumstendenzen entwickelt hat, wieder auf das zu bewältigende Maß des Erforderlichen zurückzuführen.

In den Vorlesungen empfehlen die Professoren Bücher, die gelesen werden sollten. Der Anfänger ist eifrig und geht zur Universitätsbibliothek, um sie zu erhalten. Auch da ist niemand, der sich seiner annimmt und ihm sagt, wie man das macht, die Bücher im Katalog zu finden, und wo man sie dann bestellt.

Ist es dem Anfänger schließlich doch gelungen, einige Bestellzettel loszuwerden, wird er nur allzuoft erfahren, daß die Bücher ausgeliehen sind. Mit der Zeit beruhigt sich der junge Student, denn er sagt sich, bei dreißig Wochenstunden, die er belegt hat, kommt er ja doch nicht zum Lesen. Er schreibt eben mit und weiß dann kaum noch, was er schreibt.

So geht das erste Semester herum. Eine kostbare Zeit ist sinnlos vertan. Gelernt hat er am Ende kaum etwas, was er für sein Studium brauchen kann.

Die Semesterferien dauern im Frühjahr zwei und im Herbst drei Monate. Sie sind deswegen so lang, weil die Professoren und die, die es werden wollen, sie sehr dringend für ihre wissenschaftlichen Arbeiten brauchen, zu denen sie im Semester fast nie kommen, jedenfalls dann nicht, wenn sie das Unglück haben, ein Massenfach zu vertreten.

Aber unser beflissener Anfänger weiß ja noch gar nicht, wie man Wissenschaft betreibt. Die vielen Tausende von Büchern, die ihn im Seminar umgeben, flößen ihm Angst ein. Er kann sich nicht vorstellen, daß es einen Sinn haben könnte, ein paar solcher dicken Bände während der Ferien durchzulesen. Welche denn überhaupt? Also liest er keine und meint, schon Goethe habe gewußt, daß man am besten auf Reisen lernt, wenn man nur die Augen recht weit aufmacht.

Wir glauben durchaus, daß an dieser Ansicht viel Richtiges ist, aber leider kostet sie uns, den Staat, den Steuerzahler, sehr viel Geld. Wir müssen die Hochschulen bauen und unterhalten, die Professoren und Assistenten bezahlen, ob die Anfänger etwas lernen oder nicht. Aber diese nichts lernende Jugend tut ja noch etwas anderes als nur dasein. Dadurch, daß sie viele sind, daß sie die Hörsäle verstopfen, die Schlangen vor der Mensa verlängern, die Bücher der Bibliotheken ausleihen, bis die wichtigsten nie mehr schnell greifbar sind, dadurch behindern sie die, die schließlich doch etwas gelernt haben.