Bismarcks Gespräche

Von der Entlassung bis zum Tode / Herausgegeben von Willy Andreas unter Mitwirkung von K. F. Reinking. Carl Schünemann Verlag, Bremen, 450 S., 15,80 DM

Der Alte, längst für totgehalten, wollte aus dem Sarge steigen. Was, rief sein Sohn mit entsetzter Stimme, willst Du denn ewig leben? – und gleich flog der Deckel wieder zu ... Drei Monate nach seiner Entlassung las der fünfundsiebzigjährige Otto Fürst von Bismarck beim Schlafengehen diese Stelle aus Schillers „Räuber“. „Da“, so erzählte er dem österreichischen Historiker Friedjung, „stand mir mein eigenes Schicksal vor Augen.“

Der gestürzte Titan ließ, für einen Augenblick, einen anderen Menschen spüren, wie tief ihn der Sturz von der Höhe der Macht verwundet hatte. Gewöhnlich gab er sich das Ansehen eines Pensionärs, der nach Jahrzehnten aufreibender Pflichterfüllung seinen wohlverdienten Ruhestand in vollen Zügen auskostet. Er hätte nicht Bismarck heißen dürfen, wenn er im Stillen nicht doch mit dem ihm widerfahrenen Schicksal haderte. Zuweilen, bei seinen langen Monologen auf häuslichem Sofa oder ausgedehnten Spaziergängen im Sachsenwald, brach unversehens der Zorn aus ihm wie ein Donnerwetter vom Olymp, und seine Wertschätzung für seine Feinde, à la Goetz von Berlichingen, schloß sogar den jungen Kaiser ein.

Nicht mehr viele leben von denen, die einst in Friedrichsruh oder Varzin den hinreißenden Erzählungen des Reichsgründers lauschen durften. Nach dem Ersten Weltkrieg trug der Heidelberger Historiker Willy Andreas Bismarcks Gespräche in der Großen Friedrichsruher Ausgabe zusammen; seither führten sie, im Gegensatz zu den „Gedanken und Erinnerungen“, ein verborgenes Dasein in wissenschaftlichen Bibliotheken. Da das Interesse an den Originalzeugnissen Bismarcks wieder erwacht ist, hat Andreas dankenswerterweise die Gespräche neu ediert, als Paperback. Warum er mit dem dritten Teil begann („Von der Entlassung bis zum Tode“), ist nicht ganz einzusehen; vom Standpunkt des Lesers aus ist es auch zu bedauern, daß Register und Literaturhinweise erst nach Erscheinen aller drei Bände beigefügt werden sollen. Wollten die Herausgeber vielleicht nur so schnell auf den Markt kommen, weil die Erinnerung an den Abgang eines anderen Kanzlers noch so frisch war?

Parallelen zwischen dem Altreichs- und Altbundeskanzler lassen sich leicht herstellen: Man denke an den Versuch der Gestürzten, in Presseinterviews für ausländische Zeitungen oder über Redakteure eines Hamburger Blattes auf die Politik der neuen Regierung einzuwirken, an die bis zur Monotonie wiederholten Warnungen vor politischen Sünden, an das ceterum censeo von Vermächtnissen und Testamenten für die nachfolgende Generation. Politik ist beiden zum täglichen Brot geworden, das Alter zur schwersten Krankheit von allen. Es wäre ihnen nur recht geschehen, hätte der Tod sie in den Sielen ereilt.

Aber die Unterschiede fallen mehr ins Gewicht, so daß ein etwa beabsichtigter Vergleich dem einen – unnötig zu sagen, wem – zum Nachteil ausschlägt, jedem Gesprächspartner des Altreichskanzlers teilte sich seine unvergleichliche, urschöpferische Wortkraft mit, nötigte sein konzentriertes Denken, sein Ringen um den treffendsten Ausdruck (auch in fremder Sprache) Bewunderung ab. Seine Selbstbescheidung und sein Verantwortungsgefühl hielten ihn davon ab, noch einmal die Bühne des Parlaments zu betreten oder seinen Nachfolgern Ratschläge zu erteilen. Seine Erfolge hinderen ihn nicht an der Einsicht in die Vergänglichkeit aller Werke. „Alles fließt, alles stürzt einmal zusammen“, sprach er, kurz vor seinem Tode, ahnungsvoll zum chinesischen Vizekönig Li Hung-tschang. Bei allem Respekt für das monarchische Prinzip – das einzige, dem er sich unterordnete – hielt es für denkbar, es könnte sich Deutschland, nach einer abermaligen Zeit des Zerfalls, als Republik eine neue Ordnung geben. „Das aber berührt mich nicht mehr“, pflegte er hinzuzufügen.