Von Hansjakob Stehle

Die Gefahr, sich im eigenen Lager zu isolieren, hat das Politbüro der SED in der letzten Woche nicht gebannt. Durch einen linkischen Versuch von Polemik nach allen Seiten hat es diese Gefahr erst recht heraufbeschworen. Zum erstenmal konnten die erstaunten DDR-Leser einem Politbüro-Bericht nicht nur die übliche „Einschätzung“ des bösen Westens entnehmen, sondern auch handfeste, durch freundliche Schnörkel kaum noch verhüllte Attacken auf östliche „Bruderländer“. Dabei hatte Ulbricht die schärfsten Passagen des Berichts nicht einmal zur Veröffentlichung freigegeben – zum Beispiel die Klage darüber, daß diplomatische Demarchen der DDR in Prag, Budapest, Warschau und Bukarest erfolglos geblieben waren.

Die Warnung des Berichts, die europäischen Volksrepubliken dürften in ihre Handelsabkommen mit der Bundesrepublik Berlin-Klauseln „jeder Form“ keinesfalls aufnehmen, kommt im Falle der Polen, Ungarn, vor allem aber der Rumänen – die da am unbekümmertsten vorgingen – viel zu spät. Ziemlich ungerührt gegenüber den Warnungen Ostberlins zeigte sich bisher auch die Prager Regierung, obwohl sie mit Bonn noch kaum im Gespräch ist. Schon Ende letzten Jahres war das SED-Politbüro über Prag ergrimmt: Damals vermochten offizielle Vorstellungen nicht einmal das Stern-Interview Präsident Novotnys mit seinen offenkundigen Avancen gegenüber Bonn verhindern.

Zu alldem kommt – für die SED immer spürbarer – der frische ideologische Wind, der von der Tschechoslowakei herüberweht. Der Politbüro-Bericht spricht unverhohlen von „faulen Eiern“, die der DDR da ins Nest gelegt würden, von revisionistischen Theorien, die „von Prag aus zu uns drangen“. Statt der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und das Tauwetter in Prag und anderswo zum Anlaß eigener Selbstbesinnung zu machen, versucht Ulbricht auf demagogische Weise die Wandlungen in den Nachbarländern mit Absichten der Bundesrepublik zu verknüpfen: Sie wolle durch ihren Einfluß auf die Politik „in unseren befreundeten Ländern wie Volkspolen und die CSSR“ auch auf die „innere Entwicklung der DDR“ einwirken.

Als symbolischen Sündenbock hat sich das SED-Politbüro dafür den Altkommunisten Professor Havemann auserkoren, der als Chemophysiker an der Humboldt-Universität auch philosophische Exkurse unternimmt und schon bei früheren Gelegenheiten zu verstehen gab, daß er den Marxismus für eine Theorie hält, die über den Volksschulhorizont mancher SED-Adepten hinausragt. In dem Politbüro-Bericht werden Havemann mit Hinweis auf Prager Einflüsse einige groteske Behauptungen unterstellt, die gewiß nicht von ihm stammen. Der wirkliche Kern kommt nur in dem Vorwurf ans Licht, daß Havemann „unter der Flagge des Kampfes gegen den Dogmatismus unsere Politik ändern will“.

Tatsächlich gehört Havemann seit langem zu jener Gruppe überzeugter Kommunisten in Deutschland, die der SED nur dann noch eine Chance geben, sich ideologisch glaubhaft zu machen, wenn sie entschieden und eindeutig dem Stalinismus in all seinen Spielarten abschwört. Ulbricht jedoch, der sich an der Fiktion festklammert, in seinem Reiche habe es „eigentlich“ einen Stalinismus nie gegeben, sieht gerade darin eine ernste Gefahr für die Stabilität seines persönlichen Regiments. Nur in der Wirtschaftspolitik hat er sich bisher auf eine Kursänderung eingelassen (siehe den Wirtschaftsteil dieser Ausgabe). Im übrigen aber wehrt er sich mit patriarchalischer Verbissenheit gegen alles, was die scheinbare Idylle seiner DDR – Gartenlaube stören könnte. Nach Westen hin hat er sich vermauert, doch jetzt macht ihm plötzlich auch der Blick über den Zaun nach Osten und Süden ernste Sorgen.

Es ist kein Zufall, daß in dem Politbüro-Bericht das Stichwort „Kafka“ fällt. Vor bald einem Jahr hatten sich in Prag marxistische Literaturexperten aus verschiedenen Ländern getroffen, um über den Dichter zu diskutieren. Allein auf weiter Flur waren ausgerechnet die Landsleute des Dichters aus der DDR gegen eine „Rehabilitierung“ Kafkas. Stur lehnten sie als einzige jede Romanform außer der episch-erzählenden ab: ein Roman, der vom Problem der Entfremdung lebe, sei ungeeignet für die sozialistische Kultur.