Zyniker möchten sagen: Sowas kommt von sowas! Fünfzehn Jahre lang haben die Universitäten über ihre Reform beraten und nichts beschlossen; heute beschließt der Landtag – mit einem Minimum von Beratung. Die Universität selbst scheint mit Befriedigung zu sehen, wie ihre Mißstände in die Öffentlichkeit getragen werden, um unter einem coup de force zu verschwinden: Einige Mitglieder haben die Abgeordneten offenbar mit drastischem Anschauungsmaterial versorgt. – Moralische Empörung, Sinn für Ordnung und eine immer peinigendere Sorge um Leistung, Geltung und Kontinuität der deutschen Wissenschaft mobilisieren überall den Eifer und einen guten Willen für die Reform. Man schreitet zu Maßnahmen.

In dem Reformantrag wird von den vielen anstehenden Problemen der Universität eins – ein besonders sichtbares und dringliches – herausgegriffen und formuliert: Die Hochschule sei überfüllt – weil zu lange studiert werde. Darum: Entlastung der Universität durch Verkürzung des Studiums; die Verkürzung soll durch Intensivierung erreicht werden, die Intensivierung ihrerseits durch eine straffere Organisation des Anfangsstudiums.

Außerdem wird eine Amputation vorgenommen: Die sogenannte A-Prüfung, die meist im zweiten Drittel des Studiums abgelegte Prüfung in Philosophie und Pädagogik, soll abgeschafft werden.

Gegen die voreilige Abschaffung dieser Prüfung möchte ich Bedenken erheben. Ich beschränke mich dabei auf die Erörterung des pädagogischen Teils (die Philosophie soll ja wenigstens in Staatsexamen noch mitgeprüft werden). Von der Kritik dieses Vorschlags aus wird sich mein positiver Ausblick auf die übrigen Vorschläge von allein ergeben: Ich möchte zeigen, daß die beiden Maßnahmen, nämlich Ordnung des Grundstudiums (wie ich die Hauptpunkte 1–4 einmal zusammenfassen will) und die Verweisung der Pädagogik aus dem wissenschaftlichen Studium des Lehramtskandidaten, einander widersprechen.

Die Pädagogik ist für den Lehramtskandidaten als ein „begleitendes Studium“ eingerichtet worden und ausdrücklich nicht als ein zusätzliches „Fach“; deshalb wird sie auch nicht mit den anderen Fächern zusammen geprüft. Sie leistet dabei für das individuelle Studium eigentlich das, was die geplante Ordnung der ersten Semester für das Studium insgesamt zu leisten beansprucht: Sie macht deutlich, woraufhin der einzelne Student lernt; das Grundstudium macht deutlich, woraufhin die Universität lehrt. Zusammen mit der Philosophie zwingt sie den Studenten, ständig zu fragen: wozu treibe ich das? An ihren Problemen muß er die Erkenntnisse seines Fachs immer wieder auf den Lebenszusammenhang zurückdenken, den Stellenwert der Einzeldisziplinen im Ganzen der Wissenschaften und die Bedingungen und Grenzen ihrer Wirksamkeit zu erkennen suchen. Das geschieht nicht in unverbindlicher, allgemeiner Reflexion, sondern an ihrem eigenen wissenschaftlich gefaßten Gegenstand:

er nötigt in der Form einer „pädagogischen Anthropologie“, einer „Analyse der Lernvorgänge“, einer „Auslegung der Bildungstheorien“, einer „Geschichte der pädagogischen Ideen und Einrichtungen“, in denen die Einzelwissenschaften ja wieder zusammenlaufen, zu einer bewußteren Aneignung und Kritik des Stoffes;

er gibt einen sinnvollen Ersatz für das Studium generale (für die Naturwissenschaftler, indem sie mit der Problematik der kulturellen Überlieferung befaßt werden, aus der auch sie stammen; für die Geisteswissenschaftler, indem sie sich den modernen Erkenntnissen und Methoden der Humanwissenschaften – der Psychologie und Soziologie – zuwenden müssen);