Bonn, im Februar

Staatspräsident de Gaulle und Bundeskanzler Erhard haben sich bei ihrer Pariser Begegnung freimütig und in gegenseitigem Respekt ihre unterschiedlichen Auffassungen auseinandergesetzt. Der General hat offensichtlich Verständnis dafür, daß sich die Bundesrepublik ihre enge Bindung an die Vereinigten Staaten erhalten will. Aber er glaubt, daß sein Land – wenigstens unter den zur Zeit gegebenen Umständen – unabhängiger von dem großen Verbündeten operieren könne als das schmalbrüstige, übervölkerte, an die Zone mit ihren 22 Sowjetdivisionen anstoßende Westdeutschland.

  • Erhard hat in Paris kein Hehl daraus gemacht, daß er vieles anders sieht. Ihm ist der Zusammenhalt des westlichen Bündnisses wichtiger als die Frage nach der Einflußverteilung in der NATO-Führung; deshalb will er Westdeutschland auch an der multilateralen Atommacht beteiligen (de Gaulle soll ihm geantwortet haben, er würde als deutscher Bundeskanzler wohl ebenso handeln). Erhard sagte dem General offen, daß er die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Rotchina angesichts der militärischen Anstrengungen Amerikas in Südostasien für verfehlt hält. Auch legte er dem General nüchtern dar, wie sehr die Freiheit Westeuropas von dem Schutz der mächtigen Vereinigten Staaten abhänge. Eindringlich wies Erhard ferner auf die Notwendigkeit hin, die Kennedy-Runde zu einem Erfolg zu bringen. Wenn der General seine Aufmerksamkeit also mehr auf die Mängel der amerikanischen Politik richtete, so hob Erhard mehr die Tatsachen hervor, die das amerikanische Engagement in aller Welt verdeutlichen – Gedanken, die de Gaulle wohl nur noch selten hört. Vielleicht war es manchem französischen Minister nicht unlieb, daß der Bundeskanzler aussprach, was im französischen Kabinett zu sagen – und gar so zu sagen – vermutlich kaum einer sich traut.

Zu den Pariser Gesprächsthemen gehörten auch die geplanten Südamerika-Reisen de Gaulles und Lübkes. Zwischen den beiden Reisen besteht kein Zusammenhang. Doch finden Frankreich und Deutschland in Südamerika in vieler Hinsicht eine positivere Resonanz als Nordamerika, und de Gaulle und Erhard sind sich einig, daß dieses politisch-psychologische Kapital im Interesse der westlichen Welt genutzt werden sollte – wobei allerdings de Gaulle gewiß mehr an die Erneuerung der französischen Weltgeltung denken mag.

In den europäischen Fragen ist kaum etwas Nennenswertes ausgerichtet worden. Immerhin ist man sich nun endgültig über die Zusammenlegung der Exekutiven der drei Gemeinschaften einig, wenngleich die Handhabung noch zu vereinbaren sein wird. Und der französische Finanzminister und der deutsche Bundeswirtschaftsminister verständigten sich über eine gemeinsame Prüfung und Koordinierung der Konjunktur- und Währungspolitik. Auch auf anderen Fachgebieten – wie Rüstung, Jugendwerk – gab es nützliche Sondierungen und Impulse.

Die Frage freilich bleibt, ob denn ein Freundschaftspakt seinen eigentlichen Sinn erfüllt, wenn seine Partner in den großen Dingen so verschiedene Wege gehen. Hier kann Bonn nur hoffen, daß der institutionalisierte Gesprächszwang, den der Vertrag geschaffen hat, allmählich zu besserem gegenseitigem Verständnis führt.

Robert Strobel