Gewiß, es war ihm nur vergönnt, eine Episodenrolle zu spielen. Gewiß, er hielt sich nur ein knappes Jahr im Amt. Ein brillanter Redner, ein anerkannt kluger Kopf, ein geistreicher Debattierer und, um es deutlich auszusprechen: ein Intellektueller.

Aber ein rasch Gescheiterter; einer, der noch vor der letzten, entscheidenden Runde das Handtuch in den Ring wirft. Keiner von den hartgesottenen Charakteren der zeitgenössischen Literatur, eher schwach im Geben und noch schwächer im Nehmen, ein Leichtverletzlicher, Dünnhäutiger, ein Übersensibler, eigentlich schüchtern, doch mächtig im geistigen Anspruch – alles in Ehren.

Wer jemals eine Kultur- und Geistesgeschichte der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts verfassen sollte, der sei für das – gewiß nur winzige – Kapitel „Wie es in Deutschland damit bestellt war“ angelegentlich auf die Gestalt und Person des Dr. Adolf Arndt hingewiesen. Wer wissen will, was ein Mann des Geistes, der Kultur, des Intellekts heutzutage vermag (und nicht vermag), der sehe sich an, wie es Dr. Adolf Arndt in Berlin erging.

Das Amt schien eigens für seine Person und für die speziellen Berliner Verhältnisse maßgeschneidert. Als er, am 31. März 1963, von Bonn nach Berlin ging, das unverbriefte Amt eines sogenannten „Kronjuristen“ der SPD mit der öffentlichen Würde eines Senators für Wissenschaft und Kunst zu vertauschen, hatte er durchaus dafür Sorge getragen, daß ihn an der Spree wirklich nur das erwartete, was ihn interessierte. Das Schulressort – gemeinhin Höhe- und Zielpunkt eines jeden länderüblichen Kultusministers – war vom Volksbildungssenat abgespalten und einem Fachmann übertragen worden. Wunschtraum eines jeden Intellektuellen: etwas tun zu können für Kunst und Wissenschaften, gelinde zu planen und mit Sachverstand zu unterstützen, was immer sich regt, von höchster Warte aus ein „Kulturzentrum“ zu bauen – obgleich als Wort verpönt, ist dies doch die geheime Zielsetzung für die in Berlin mit Bundes- und Ford-Foundation-Mitteln reichlich dotierten geistigen Kräfte; Geld dorthin zu lenken, wo es wirklich fruchtbar wird. Die Gelegenheit schien einmalig.

Daß sie von dem gleichen Mann verpaßt wurde, dem sie allein zu Gebote stand, kennzeichnet drastischer als alles andere die wirkliche Situation. Da wird vieles aufgewandt und – anscheinend – alles getan, um „die Kultur zu fördern“, die kupfernen sechziger Jahre ein wenig zu vergolden, zu verzwanzigern. Da holt man sich sogar einen Kopf, der anderwärts schwer entbehrlich ist. Man vergißt nur eines: Kultur läßt sich nicht planen, Kunst kann nicht bewirtschaftet werden, der Geist weht, wo er will.

Wir leben in einer Welt, die verwaltet (nicht gepflegt) sein will. Ein Kultursenator muß in der Woche sieben Reden halten. Dr. Arndt ist nicht der Mann, der fremde Reden vom Blatt liest oder sie freihand improvisiert wie sein Vorgänger, der Professor Tiburtius. Er arbeitete sie Wort für Wort aus. Das kostete Stunden. Unglücklich genug verließen ihn seine Sachbearbeiter für Theater, Bildende Kunst und Musik. Ob sie krankheitshalber beurlaubt wurden, die Altersgrenze erreichten oder in ihre freien Berufe zurückstrebten, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Sie waren eines Tages weg, denn der Neue wurde unbequem: Einer, dessen Herz an der jeweiligen Sache hängt, muß für den bislang freischaltenden Sachwalter immer unbequem sein. Dr. Arndt machte fortan alle Arbeiten, die in puncto Theater, Bildender Kunst oder Musik anfielen, selbstverständlich allein. Das kostete wieder Stunden. Da mußte repräsentiert, da mußten Leute empfangen werden, auf die es, aus irgendwelchen Gründen, „ankam“; so viele Stunden, wie sie Dr. Arndt (als engagierter Intellektueller) im Amt hätte haben müssen, hat keiner. Da dauerte es nicht lange, und die Frage, ob ein Herr Wunderlich oder ein Herr Bünte (die außerhalb Berlins kein Mensch kennt) das dritte Symphonieorchester leiten sollten (das neben den Philharmonikern und dem Radio-Symphonie-Orchester außerhalb Berlins ebenfalls weithin unbekannt geblieben ist), wuchs sich rasch zu einem kapitalen Problem aus. So vieles kann niemand im Auge behalten, der das Große im Auge behalten will. Er wird nicht über das Große stolpern. Über die lokale Lappalie stolpert er bestimmt.

Der Fall des Dr. Arndt zeigt mit der Prägnanz eines Lehrsatzes, daß in unserer Gegenwart das Amt des Intellektuellen zumindest das öffentliche Amt nicht sein kann. Dr. Arndt konnte nur eine Episodenrolle spielen, eine Charge am Rande unseres Kulturbetriebs. Um ein Haar wäre sie ihm zur Farce geraten.

Noch besitzt Dr. Adolf Arndt sein Bundestagsmandat. Aber ob er – nach seinem Berliner Debakel – noch Aussicht hat, im Falle eines Falles einen Ministerposten zu bekleiden, das steht sehr dahin. Hat er doch das Schlimmste begangen, was man – Intellektueller hin, Kronjurist her – in unserer Gesellschaft begehen kann. Er hat Kunst und Kultur mit dem Ressort verwediselt, das eine eingefahrene Bürokratie den Dingen einräumt, die sich so prächtig als Aushängeschild verwenden und die sich doch, zu aller Erstaunen – selbst zu dem eines Dr. Adolf Arndt – so gar nicht verwalten, planen und von Staats wegen reglementieren lassen. W. Jessen