Von Willi Bongard

Abgesehen von den weiträumigen und zum Teil mit roten Läufern ausgelegten Lagerkellern der Firma Underberg hat das Städtchen Rheinberg am Niederrhein dem Fremden herzlich wenig zu bieten, nicht einmal einen Berg. Die amerikanischen Soldaten, die hier 1945 stationiert waren, müssen sich zu Tode gelangweilt haben. Man kann es ihnen deshalb kaum verdenken, wenn sie sich die Zeit mit allerlei Schabernack, wie beispielsweise mit Flaschenschließen, zu vertreiben suchten. Leider nur machte ihr Schützenehrgeiz dabei nicht vor dem „Flaschenmuseum“ der Firma Underberg halt.

Die amerikanischen Soldaten konnten nicht ahnen, daß ihrem Übermut auf diese Weise eines der interessantesten Archive zur Geschichte nicht nur des Hauses Underberg, sondern des Warenzeichen- und Markenrechts schlechthin zum Opfer fiel. Auf den ersten Blick mußten ihnen alle Flaschen – einschließlich der Museumsexemplare – gleich vorkommen, sowohl der Form und Größe wie auch der Aufmachung nach. Aber das war es ja gerade, was den besonderen Reiz der Underberg-Falsifikatsammlung ausmachte!

Bei näherem Hinsehen, spätestens beim Anvisieren der Etiketten, hätten sie allerdings entdecken können, daß es da Abweichungen gab, wenn auch nur geringfügige. Die Variationen von „Underberg“ reichten von „Unterbrecht“ und „Unkerberg“ über „Hundesberg“, „Undrebern“ und „Underbarg“ bis hin zu „Unterbrechen“ und „Unterbroken“ ...

Der orthographischen Phantasie der Magenbitter-Produzenten, die sich auf diese Weise an den Erfolg des „Underberg“ anzuhängen versuchten, waren offenbar keine Grenzen gesetzt, jedenfalls keine gesetzlichen. Die Fälschungen gingen in die Tausende.

Es hatte nur wenig genützt, daß Hubert Underberg, der Firmengründer, schon 1851 in der Kölnischen Zeitung zweispaltige Anzeigen aufgab, in denen er jedermann kund- und zu wissen tat, nur solche Flaschen seien als echt zu betrachten, „deren Etiquets durch mich eigenhändig unterschrieben sind“. Ja, es ist denkbar, daß er sich durch solche Anzeigen die Konkurrenz erst recht auf den Hals zog, zumal er sich damit brüstete, seinen Magenbitter „met veel Success“ zu verkaufen. Nichts ist so nachahmenswert wie der Erfolg ...

Zur Nachahmung schien sich dabei von Anfang an weniger der Tropfen selbst zu empfehlen, den Hubert Underberg seit 1846 unter der Bezeichnung „Boonekamp“ auf den Markt brachte, als vielmehr das Drum und Dran, die absonderliche Aufmachung der – in gelbes Strohpapier gehüllten – Flasche, der holländisch formulierte Text des Etiketts, vor allem aber der auf einfältige Gemüter wie eine Zauberformel wirkende lateinische Sinnspruch „occidit, qui non servat“.