Erich Lüth, der Leiter der Hamburger Senats-Pressestelle, hat darum gebeten, vorzeitig in den Ruhestand versetzt zu werden, Erstaunen und Proteste waren die erste Reaktion, aber an der Tatsache selbst ist nichts zu ändern. Hamburg wird in absehbarer Zeit einen neuen Mann an Erich Lüths Stelle sehen. Der Wechsel in der Pressestelle ist jedoch kein „Fall Lüth“. Er ist ein Fall der SPD-Führung. Dennoch ist es nötig, ein paar Worte zur Person zu sagen, weil sie unmittelbar mit zur Sache gehören.

Ich bin seit über vierzig Jahren mit Erich Lüth befreundet, obwohl wir oft in Einzelfragen verschiedener Meinung sind. Ich hätte es manchmal gern gesehen, daß Lüth die Akzente anders gesetzt hätte. Auch, daß er sich manchmal von seinem Temperament hinreißen ließ, ist unbestreitbar. Aber deswegen kann und darf man nicht für die politischen Qualitäten blind sein, die Erich Lüth auszeichnen. Hier arbeitete ein Mann von hochanständiger Gesinnung, die er tagtäglich mit unbeugsamem Mut in seiner Tätigkeit verwirklichte.

Der Anlaß der Affäre scheint in dem Bemühen Bonner SPD-Kreise zu liegen, ihrem Presse-Sprecher, Franz Barsig, eine andere Position zu verschaffen. Nicht, daß es etwa beschlossene Sache sei, daß Barsig gehen müsse. Obendrein hat man keineswegs einen Nachfolger für die wichtige Funktion, die Barsig in Bonn ausfüllt.

Seit etwa zwei Wochen, so konnte man in einigen Zeitungen lesen, herrsche „Panik in der Bonner Baracke“; Barsig fühle sich dort unsicher. Eine Art von „Brandt (oder Bahr) ante portas“-Hysterie soll sich ausgebreitet haben; all dies wurde von der SPD kräftig dementiert. Sachlich mit Recht, denn niemand wird wohl ernsthaft angenommen haben, daß Egon Bahr zugleich als SPD-Sprecher in Bonn und als Pressechef in Berlin auftreten wollte. Trotz der Dementis aber hat man vorsorglich versucht, für Franz Barsig einen anderen Posten freizumachen. Damit hat man, wie am Rande vermerkt werden sollte, auch ihm übel mitgespielt.

Höchst seltsam aber ist es, wie die Affäre durch allerlei Erklärungen verschleiert wird. Das Gerede von dem „kranken“ Lüth ist völlig indiskutabel. Noch alberner jedoch ist das Gerede, der Senat brauche einen Sprecher, der das politische Wollen der Regierung – und der SPD – besser zu pointieren vermöge als Herr Lüth, der zu sehr im Allgemeinen haftete. Nach den zahlreichen Fällen, in denen man ihm seine Pointen angekreidet hat, dürfte ihm diese Begründung besonders gut schmecken.

Plötzlich hat man offenbar gemerkt, daß der Bürger mehr politisches Interesse hat, als die Parteistrategen wahrhaben wollten. Erstes Ergebnis dieser Einsicht: Man schiebt einen profilierten Politiker ab!

Und wie das gemacht wird!

Es ist völlig legitim, wenn man für Barsig eine andere politische Aufgabe sucht (obwohl es nicht gerade praktisch ist, dies zu tun, ohne für seine Funktion jemand Besseren zu haben). Es ist völlig in Ordnung, Erich Lüth abzulösen, wenn man sich von seinem Nachfolger Besseres verspricht. Nur – man kann es nicht hinter dem Rücken des Betroffenen machen! Es spricht nicht für den neuen politischen Stil, von dem bei der SPD soviel die Rede ist, wenn ein Mann wie Lüth sein Schicksal aus der Presse erfahren muß. Solche Methoden hat die SPD früher Herrn Adenauer anläßlich der Fälle Balke und Lemmer mit Recht vorgeworfen. Hans Robinsohn