Von Ruth Herrmann

Hamburg

Am Montag begann vor dem Schwurgericht in Hamburg der zweite Mordprozeß Mariotti. Der erste Prozeß endete im vergangenen Sommer ohne Urteil, weil die Richter sich weder zum Freispruch noch zur Verurteilung der Angeklagten entschließen konnten. Da das Gericht weitere Feststellungen für möglich hielt, setzte es das Verfahren auf unbestimmte Zeit aus und beauftragte die Staatsanwaltschaft mit weiteren Ermittlungen.

Hinter Sperren aus langen Bänken drängen sich, lange vor dem Beginn der Hauptverhandlung, Zuschauer, von Polizisten und Wachtmännern mühsam daran gehindert, ihr Realitätenkino zu stürmen. Vorwiegend ältere Frauen sind begierig, die Angeklagte Eva Mariotti vor Gericht zu sehen, mitzuerleben, wie es einer recht geschieht, die unsolide lebte.

Aus dem Kellergang, der Untersuchungsgefängnis und Gerichtsgebäude verbindet, wird sie heraufgeführt. Ein freundlicher älterer Gefängniswachtmeister und eine Gefangenenwärterin im blauen Kittelkleid mit properem weißen, gestärkten Kragen, führen sie herein. Die Wärterin hat ein gütiges, ruhiges Gesicht – wie gut, daß die Gefangenen nicht von den Leuten im Zuschauerraum bewacht werden.

Das Gericht erscheint. „Ich gebe Ihnen die Besetzung des Schwurgerichts bekannt“, sagt Landgerichtsdirektor Ehrhardt höflich zur Angeklagten Eva Mariotti. „Verstehen Sie genug Deutsch?“ „Ja, alles“, antwortet sie. Frau Mariotti ist gebürtige Tschechin. Neben dem Vorsitzenden gibt es zwei Landgerichtsräte als Beisitzer und vorsichtshalber einen Landgerichtsrat als Ergänzungsrichter. Die sechs Geschworenen sind ein Oberverwaltungsdirektor, ein Maschinenschlosser, eine Stenotypistin, eine Lehrerin, ein Klempner und ein Schlosser. Ihre Namen werden der Angeklagten genannt.

Weniger einfach und eindeutig ist es mit ihrem eigenen Namen. Geboren mit dem Namen Stiebeck, hieß sie durch ihre erste Heirat Nemetschek, später im deutschbesetzten Prag Höger, dann wieder Nemetschek, dann Mariotti – nannte sich, als sie illegal in die Schweiz ging, mit einem russischen Namen und wechselte häufig ihre Vornamen und ihr Geburtsjahr. Unverändert scheint in den Personalien bei allem Wechsel nur der Heilige Abend geblieben zu sein, an dem sie Geburtstag hat. Dem Gericht gelang es jedoch zu fixieren, daß die Frau auf der Anklagebank, die nun bereits zwei Jahre in Untersuchungshaft sitzt, Eva Mariotti, geboren am 24. Dezember 1917 in Prag, ist. Sie ist des Mordes an einer Hamburger Zahnarztwitwe angeklagt.