Von Roman Braun

Eine Ausgabe der Werke Anton Pawlowitsch Tschechows war lange fällig, und daß der Ellermann-Verlag nun eine wertvolle und schöne Ausgabe in drei Bänden vorlegte, ist nur zu begrüßen. Daß ausgerechnet Johannes von Guenther dafür verantwortlich zeichnet, ist eine Pointe ganz in Tschechows Sinn.

Seine Ausgabe umfaßt „rund die Hälfte seiner Erzählungen und Novellen und dazu sein ganzes Theater, mit Ausschluß der von ihm selber verworfenen frühen Fassungen und dramatischen Quinquilien“ (sie!): „Wir glaubten nach genauer Prüfung auf dies alles verzichten zu können.“

Gegen diesen Standpunkt ist an sich nichts einzuwenden, wäre nur in einem ordentlichen Nachwort aufgeführt, was Johannes von Guenther weggelassen hat.

Statt dessen vernehmen wir Sätze wie diesen: „Daß ein solcher Mensch und Dichter überhaupt da war, ist ein sehr tröstlicher Gedanke für uns hinsichtlich unseres manchmal schwer verständlichen Nachbarn im Osten, ebenso wie jener unübersichtlichen Zeit um die Jahrhundertwende, an der wir immer noch leiden.“

Eine wissenschaftliche Edition referierte an dieser Stelle weniger die Gemütszustände des Herausgebers, sie gäbe vielmehr weitere Titel und Entstehungsdaten, einen Lebensabriß des bewunderten Dichters, Inhaltsangaben der weggelassenen Stücke und die Beschreibung ihrer Form. So erführe der Leser vielleicht auch, daß Tschechow bereits als Zwanzigjähriger Theaterstücke verfaßt und daß er – zeitlebens ein aufmerksamer Beobachter des Theaters – mehr als die bekannten sieben dramatischen Werke hinterlassen hat. Damit ergäbe sich ein Hinweis auf das frühe (das erste uns erhaltene) Stück Tschechows, den monströsen „Platonow“ (eigentlich „Stück ohne Titel“) oder eine Bemerkung zum „Waldgeist“ (die Urfassung des „Onkel Wanja“) – immerhin nehmen diese Dramen bereits viele der später verarbeiteten Themen vorweg und sind auch für die Beurteilung Tschechows als Epiker von Interesse.

Sicher wäre es überspitzt, wollte man behaupten, Tschechow sei in erster Linie Dramatiker gewesen. Sein Einfluß auf eine ganze Generation von Erzählern ist offenkundig (Gorkij, Bunin, Kuprin, Korolenko, um nur einige zu nennen).

Doch weist Tschechows gesamtes episches Werk dramatische Züge und Strukturen auf. Besonders seine späten Erzählungen lassen sich ohne große Entstellungen für die Bühne umarbeiten, und Tschechow hat in nachweislich sechs Fällen Erzählungen früheren Datums dramatisiert.

Solche Hinweise sollte ein Kommentar enthalten, auch wenn man wie Johannes von Guenther eine nichtwissenschaftliche Ausgabe anstrebt. Vor allem aber sollten sachliche Anmerkungen zu den einzelnen Werken nicht fehlen, denn dem deutschen Leser erklärt sich gewiß nicht alles allein aus der jeweiligen Erzählung oder dem Drama.

Johannes von Guenther erklärt, „als erster“ Tschechows Werk chronologisch geordnet zu haben. Mitunter sind kleine Fehler in der Reihenfolge, aber die muß man ihm nachsehen, liest man, welch kühner Rechtfertigung die „Ausnahme“ bedarf, Dramen von Prosa zu sondern. Für ihn „liegen die emotionalen Voraussetzungen beim Theater anders als bei der Prosa. Das Recht dazu schien uns die Stilfrage zu geben.“

Daß der Unterschied zwischen geschriebener und gesprochener Sprache ein gattungsmäßiger ist, ist dem Herausgeber offenbar entgangen. Er trennt per Emotion und Stil.

Gerade der stilistische Unterschied aber, die Diktion lebendiger gesprochener Sprache im Unterschied zur geschriebenen, zeichnet sich in diesen Tschechow-Übersetzungen ganz und gar nicht ab.

Unter „Prosa“ mag man hingehen lassen, wenn ein russisch einwandfreier Satz wie folgt übersetzt wird: „Daran dachte er, und er gedachte mit Kummer, daß er, wenn man ihn jetzt fragen würde, was Liebe wäre, nicht wissen würde, was er antworten sollte.“

Daß aber Sätze wie: „Wie sie zu lachen wußte!“ oder „Worüber strittet ihr eben?“ gesprochen worden sein sollen, kann ich mir ebensowenig vorstellen wie folgenden Stoßseufzer, mit dem ein schwungvoller Monolog endet: „Oh, wenn doch Gott nur wollte, daß mit uns dieses berühmte Kaufmannsgeschlecht aussterben möge!“

Verstaubte Infinitivkonstruktionen, geschraubte Imperfektformen, Konjunktivfossilien: Johannes von Guenther spricht, wie er schreibt, anstatt zu schreiben, wie andere Leute sprechen.

A propos sprechen: „sprechen“, „sagen“ und „reden“ sind durch – rein stilistische – Nuancen voneinander unterschieden. Wenn einem Übersetzer das unwichtig erscheint, hört sich’s mitunter so an: „‚Das ist entsetzlich!‘ ‚Nichts Entsetzliches dabei. Trinken Sie Ihren Tee, maman.‘ ‚Doch ich will ja sprechen!‘ ‚Aber wir sprechen seit fünfzig Jahren, wir tun nichts als sprechen und Broschüren lesen‘.“ Das sollte heißen: Wir reden und reden, schon fünfzig Jahre lang ... Im selben Akt: „Wanja, ich kann nicht ausstehen, wenn du so was sprichst.“ Was hier heißen sollte: wenn du so redest, oder: wenn du so was sagst.

Ich meine, ein Übersetzer ins Deutsche sollte vor allem und in erster Linie die deutsche Sprache beherrschen. Daß der Übersetzer vorliegender Tschechow-Ausgabe es damit nicht so genau genommen hat, zeigen zwei weitere Stilbeispiele oder – mit des Übersetzers Worten – zwei Fragen nach dem Stil.

Onkel Wanja räsonniert: „Nichts. Nur Altes. Ich bin der gleiche, der ich gewesen, kann sein, daß ich schlimmer wurde, denn ich bin träge geworden, ich mache nichts und meckere nur wie ein alter Knaster. Mama, meine alte Elster, die lallt immer noch über Frauenemanzipation ...“

Drei Seiten weiter: „... und ich dachte, daß ich damit recht tue. Jetzt jedoch, wenn ihr das nur wüßtet! Ich kann vor Ärger nachts keinen Schlaf mehr finden und vor Zorn, daß ich so töricht meine Zeit verdudelt, als ich noch all das zu haben vermochte, was mir jetzt infolge meines Alters versagt bleibt!“ (So zu haben auch als Taschenbuch in Rowohlts Klassikerreihe.)

Tschechow – berühmt für seine nuancenreiche Sprache – hat an seinen Dramen sehr intensiv gearbeitet. Er hat seine Dialoge sicher sorgfältiger gefeilt als der Übersetzer seine deutschen. Tschechows Sprache ist schlicht und unaufdringlich, unerreicht in der Präzision, mit der sie all die feinen, kaum wahrzunehmenden Zwischentöne aufzeichnet; über die Sprache seiner Dramen allein gibt es ganze Regale wissenschaftlicher Untersuchungen und enthusiastischer Essays.

Zu den Enthusiasten würde ich auch den russischen Journalisten Kornej Tschukowskij zählen, der zu dieser Ausgabe einen Essay beigesteuert hat. Es ist das eher eine eigene, zitatenreiche Geschichte über Tschechow, mit dem lakonischen Titel: „Tschechow“.

So kommt es, daß des Dichters voller Name nicht ein einziges Mal im ganzen Werk fällt, wie auch seine Lebensdaten (1860 bis 1904) in keinem der drei stolzen Bände erscheinen. Dafür siebzig langatmige Seiten, deren Inhalt Johannes von Guenther in seinem eigenen Nachwort noch einmal getreulich wiedergibt: „... ein Melancholiker der Dämmerung: und dabei wissen wir nur zu gut, was für ein fröhlicher Mensch er war. Fleißig, bescheiden, aufrichtig, liebenswürdig, gastfrei, dankbar, der beste Sohn und Bruder, der treueste Kamerad, der zuverlässigste Partner, ein Mensch wie man ihn nur selten findet, liebenswert, klug und aufgeschlossen wie kein zweiter.“

In diesem Zusammenhang verdient der Hinweis des Herausgebers auf sein Tschechow-Lesebuch „Religiöse Geschichten eines Atheisten“ Erwähnung. Unter diesem so patenten wie irreführenden Titel hat Johannes von Guenther den „religiösen Gehalt in Tschechows Werk gewürdigt“. Und überfliegt man das Inhaltsverzeichnis dieses Buchs, könnte man wirklich meinen, Tschechow sei mit diesem netten Wortspiel zu fassen.

Doch fehlte Tschechow zum Atheisten der Wille, andere zu überzeugen, der Wille zur Verbreitung des Unglaubens, die Überzeugung, daß im Unglauben das Heil der Zukunft liege. Und Religion wird in allen seinen bedeutenden Novellen nur als eine Möglichkeit unter vielen erwogen; meist erweist sich dieser Weg als genauso hoffnungslos wie alle anderen.

Die meisten anderen Tschechow-Übersetzer handhaben das Deutsch gewandter als Johannes von Guenther. Das gilt für die Taschenbücher bei Goldmann wie für die Diogenes-Sammlung; auch die beiden Tschechow-Sammlungen bei Manesse sind weit besserer Qualität. In der einen („Meisternovellen“) unternimmt hier Iwan Schmeljow den Versuch, Tschechow aus der christlich-orthodoxen Tradition der russischen Literatur zu erklären, wenn auch auf höherem Niveau, und man muß bemerken, daß seine Auswahl nicht ausschließlich „fromme“ Geschichten enthält, sondern auch die „Langweilige Geschichte“, die „Dame mit dem kleinen Hund“ und den „Krankensaal Sechs“ – also doch eine repräsentative Auswahl, die erlaubt, selbst zu prüfen, ob Tschechow „Atheist“ oder „Christ im Unterbewußten“ war.

Eine solche Prüfung kann nicht auf eine Untersuchung der Dramen verzichten. Dafür aber kommt einzig die Ausgabe bei Desch in Betracht, die das epische und das dramatische Werk Tschechows in Beziehung zueinander setzt. Leider ist de beim Verlag vergriffen, und eine Neuauflage ist unwahrscheinlich; höchstens, daß sich noch Restexemplare in einzelnen Buchhandlungen auftreiben lassen.

Richard Hoffmann teilt die ihm zur Verfügung stehende Seitenzahl (nicht halb soviel wie in Ellermanns Neuerscheinung) sinnvoller ein: Die frühen zeitungsgerechten Kurzgeschichten in knapper Auswahl zugunsten der wichtigsten reiben Novellen, an denen Tschechow wirklich gearbeitet hat; daneben erscheint, wohl erstmalig in einer einbändigen Ausgabe, ein Querschnitt durch Tschechows Dramen. Neben den wichtigen „Großen“ („Iwanow“, „Drei Schwestern“, „Onkel Wanja“) erfährt man noch von einem unbekannten Einakter: „Auf der Landstraße“ (1885 entstanden, von der Zensur ob nihilistischer Tendenzen verboten) bildet eine Art Gegengewicht zu den beliebt-problemlosen Vaudevilles „Der Bär“ oder „Der Heiratsantrag“. Thematisch eher ein Vorläufer zu Gorkijs „Nachtasyl“, zeigt dieses Stück, wie sehr Tschechows früher „Humor“ anderen Schichten entstammte als der reinen Freude an Pointen und erlösendem Lachen.

Die Übersetzungen sind präzise und doch genügend frei, ein instruktiver Essay erwähnt weitere Werke, Daten, Ereignisse von Wichtigkeit wie berühmte Aufführungen, Literaturpreise und Ausgaben, er referiert die fruchtbare Zusammenarbeit Tschechows mit dem Ensemble Stanislawskis, das am Bühnenerfolg der Stücke wesentlichen Anteil hatte. In sachlichem Ton stellt Hoffmann im Werk des Dichters einige Grundthemen und Motive fest und weist hin auf wichtige Beziehungen und Querverbindungen in Novelle und Drama bei Tschechow.

Nicht so sorgfältig ist die ebenfalls von Richard Hoffmann zusammen mit Hans Halm besorgte Ausgabe des einzigen vollendeten „Romans“ von Tschechow: „Die Tragödie auf der Jagd“ – ein frühes Werk, 1884–85 in Fortsetzungen und unter Pseudonym gedruckt von einem Moskauer Journal, das auf Unterhaltungs- und Kriminalromane festgelegt war. Von diesem Roman distanzierte sich Tschechow schon durch die Rahmenerzählung (in der er Romane gleichen Genres mit ironischen Hieben bedachte), doch auch die eigentliche Kriminalgeschichte, die sich übrigens durchaus spannend liest, trägt viele parodistische Züge (Puschkins „Onegin“, Turgenjews „Aufzeichnungen eines Jägers“, aber auch der Publikumsgeschmack bekommt sein Teil ab) – leider haben die Herausgeber versäumt, auf diesen Umstand hinzuweisen.

In der „Tragödie auf der Jagd“ erkennt man nicht allein in der psychologischen Zeichnung der Figuren, sondern auch formal den späten Tschechow wieder – seine fragmentarischen Beschreibungen, die lebhaft an die Szenenanweisungen eines Dramentextes erinnern, die Technik, große Teile der Erzählung in Dialoge aufzulösen.

Am Ende – es ist beinahe ausschließlich ein Ende in Pianissimo – steht das Fragezeichen, steht die Pause auf die Frage nach dem Sinn menschlicher Existenz, nach dem Sinn, der zugleich Grund und Ziel und Antwort sein könnte. Die Dramen, aber auch die meisten der reifen Novellen Tschechows enden mit diesem Fragezeichen („Ionytsch“, „Der Literaturlehrer“, „DreiJahre“). Und wenn am Schluß der „Langweiligen Geschichte“ der alte Professor auf Katjas verzweifelte Frage: „Was soll ich denn nur tun?“ achselzuckend ausweicht, so ist das dieselbe Pause, die so oft in Tschechows Dramen Antworten ersetzt.

Peter Szondi hat in seiner „Theorie des modernen Dramas“ auf Tschechow hingewiesen als einen, der maßgeblich an der Auflösung der klassisch-dramatischen Form beteiligt ist. Marianne Kesting zieht in ihrem Versuch über das „Epische Theater“ auf Grund der dramatischen Struktur sogar eine Linie von Tschechow zu Samuel Beckett. Etwa in „Ein de partie“ oder in „En attendant Godot“ findet sich – kompromißloser, ins Absurde vergrößert – ein gut Teil dessen wieder, was Tschechows dramatische Konzeption bestimmt hat.

Alle solche Gedanken hätten in dieser neuen, so schönen und so wertvollen Ausgabe des Johannes von Guenther verfolgt und verarbeitet werden können. Daß statt dessen eine Chance vergeben worden ist, die so bald. nicht wiederkehren dürfte, ist bedauerlich. So bleibt der deutsche Leser weiterhin ohne befriedigende Tschechow-Gesamtausgabe. Wenn die Auswahl Richard Hoffmanns für eine Ein-Band-Ausgabe das Maximum des Erreichbaren darstellt, die Sammlung bei Ellermann ist vollständiger. Die Sammlung bei Manesse könnte am ehesten zur akzeptablen Gesamtausgabe werden, falls ihr. ein weiterer Novellenband hinzugefügt werden sollte, in jedem Fall aber ein Buch mit möglichst allen, sprechbar übersetzten Dramen Tschechows, das man ohne langen Kommentar empfehlen kann und verschenken möchte.