Nicht so sorgfältig ist die ebenfalls von Richard Hoffmann zusammen mit Hans Halm besorgte Ausgabe des einzigen vollendeten „Romans“ von Tschechow: „Die Tragödie auf der Jagd“ – ein frühes Werk, 1884–85 in Fortsetzungen und unter Pseudonym gedruckt von einem Moskauer Journal, das auf Unterhaltungs- und Kriminalromane festgelegt war. Von diesem Roman distanzierte sich Tschechow schon durch die Rahmenerzählung (in der er Romane gleichen Genres mit ironischen Hieben bedachte), doch auch die eigentliche Kriminalgeschichte, die sich übrigens durchaus spannend liest, trägt viele parodistische Züge (Puschkins „Onegin“, Turgenjews „Aufzeichnungen eines Jägers“, aber auch der Publikumsgeschmack bekommt sein Teil ab) – leider haben die Herausgeber versäumt, auf diesen Umstand hinzuweisen.

In der „Tragödie auf der Jagd“ erkennt man nicht allein in der psychologischen Zeichnung der Figuren, sondern auch formal den späten Tschechow wieder – seine fragmentarischen Beschreibungen, die lebhaft an die Szenenanweisungen eines Dramentextes erinnern, die Technik, große Teile der Erzählung in Dialoge aufzulösen.

Am Ende – es ist beinahe ausschließlich ein Ende in Pianissimo – steht das Fragezeichen, steht die Pause auf die Frage nach dem Sinn menschlicher Existenz, nach dem Sinn, der zugleich Grund und Ziel und Antwort sein könnte. Die Dramen, aber auch die meisten der reifen Novellen Tschechows enden mit diesem Fragezeichen („Ionytsch“, „Der Literaturlehrer“, „DreiJahre“). Und wenn am Schluß der „Langweiligen Geschichte“ der alte Professor auf Katjas verzweifelte Frage: „Was soll ich denn nur tun?“ achselzuckend ausweicht, so ist das dieselbe Pause, die so oft in Tschechows Dramen Antworten ersetzt.

Peter Szondi hat in seiner „Theorie des modernen Dramas“ auf Tschechow hingewiesen als einen, der maßgeblich an der Auflösung der klassisch-dramatischen Form beteiligt ist. Marianne Kesting zieht in ihrem Versuch über das „Epische Theater“ auf Grund der dramatischen Struktur sogar eine Linie von Tschechow zu Samuel Beckett. Etwa in „Ein de partie“ oder in „En attendant Godot“ findet sich – kompromißloser, ins Absurde vergrößert – ein gut Teil dessen wieder, was Tschechows dramatische Konzeption bestimmt hat.

Alle solche Gedanken hätten in dieser neuen, so schönen und so wertvollen Ausgabe des Johannes von Guenther verfolgt und verarbeitet werden können. Daß statt dessen eine Chance vergeben worden ist, die so bald. nicht wiederkehren dürfte, ist bedauerlich. So bleibt der deutsche Leser weiterhin ohne befriedigende Tschechow-Gesamtausgabe. Wenn die Auswahl Richard Hoffmanns für eine Ein-Band-Ausgabe das Maximum des Erreichbaren darstellt, die Sammlung bei Ellermann ist vollständiger. Die Sammlung bei Manesse könnte am ehesten zur akzeptablen Gesamtausgabe werden, falls ihr. ein weiterer Novellenband hinzugefügt werden sollte, in jedem Fall aber ein Buch mit möglichst allen, sprechbar übersetzten Dramen Tschechows, das man ohne langen Kommentar empfehlen kann und verschenken möchte.