Der Kieler Ordinarius für öffentliches Recht, Dr. Eberhard Menzel, ist in den letzten Wochen in den Verdacht geraten, er gehöre zur Gruppe der alten Nazis. Selbst ein so sorgfältig redigiertes Blatt wie die „Stuttgarter Zeitung“ schrieb über die Situation in Schleswig-Holstein: „Zu den Fällen des in der Wolle braun gefärbten Lübecker Studienrats Stielau und des Geesthachter Schuldirektors Rübsen, der den ehemaligen Großadmiral Dönitz vor seinen Schülern sprechen ließ, hatte sich der Fall des Kieler Universitätsrektors Menzel gesellt.“

Professor Menzel ist Unrecht geschehen. Die Kampagne gegen ihn hatte am 3. Januar begonnen – mit einem anonymen Brief. In diesem Schreiben an das Kieler Kultusministerium hieß es, Menzel sei Mitverfasser einer Schrift, in der „die Judenverfolgung für legitim“ erklärt worden sei. Tatsächlich hat Menzel 1938 als 28jähriger Assistent bei Professor Giese in Frankfurt an einem Sammelband mitgearbeitet, in dem es manche Stellen gibt, die von nationalsozialistischem Denken geprägt sind. Dies gilt aber nicht für Menzels Beitrag zu diesem Buch, einem Aufsatz über „Gemeinschaftsdenken im englischen Völkerrecht“.

Die übrigen Beiträge, auch diejenigen, die man heute nicht mehr gern liest, sind von Menzel redigiert worden. Was aber hätte er tun können? Die Aufnahme dieser Stücke in das Buch verweigern? Das wäre von einem 28jährigen Assistenten, der im Auftrag seines Professors eine Abhandlung zusammenstellt, doch wohl zu viel verlangt gewesen. Menzel hat immerhin eine ganze Reihe von Stellen abgemildert – und das ist mehr, als viele ausgewachsene Wissenschaftler damals zu tun gewagt haben.

Im gleichen Jahr, in dem dieser Sammelband erschien, ist Menzel endgültig aus der Hitlerjugend ausgeschlossen worden, in die er 1934 als Angehöriger der Reichsschaft deutscher Pfadfinder automatisch übernommen worden war. Einer anderen nationalsozialistischen Organisation hat er nie angehört. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß er wegen seiner ablehnenden Haltung gegenüber der Partei berufliche Nachteile in Kauf nehmen mußte. Im übrigen hat Professor Menzel nach 1945 bewiesen, daß Rechtsstaat und Demokratie für ihn keine leeren Worte sind.

Als der anonyme Brief in Kiel bekannt wurde, hat Menzel auf das Rektorat der Universität verzichtet – diese keineswegs typische Reaktion ist auch ein Beweis dafür, daß er kein „Ehemaliger“ ist, der plötzlich mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Vertreter der Kieler Universität und des Kultusministeriums haben nach diesem Verzicht erklärt: „Die persönliche und wissenschaftliche Integrität von Professor Menzel ist nicht angetastet.“ Besser wäre es freilich gewesen, wenn der anonyme Brief gleich dorthin gewandert wäre, wo ein anonymer Brief hingehört: in den Papierkorb. R. Z.