Von Martin Wieland

London, im März

Smethwick ist eine Industriestadt in der Nähe von Birmingham. Einwohnerzahl: 70 000. Davon farbige Einwohner (Inder, Pakistanis, West-Inder): 6000. Dies ist der höchste Prozentsatz farbiger Einwohner irgendwo in Großbritannien; groß genug, um dem Abgeordneten für Smethwick beim Gedanken an die bevorstehenden Wahlen ernste Sorgen zu bereiten.

Der Abgeordnete ist kein anderer als Patrick Gordon Walker, designierter Außenminister eines künftigen Labour-Kabinetts. Er gewann die Wahlen von 1959 mit einer Mehrheit von 3500 Stimmen. Die Farbigen von Smethwick sind entschieden für ihn. Ja, die Inder unter ihnen wurden vom Sekretär der "British-Indian Worker’s Association" sogar ausdrücklich angewiesen, gegen die Tories zu stimmen. Gordon Walker sollte also seelenruhig sein. Wenn es aber in England soweit kommt, daß ein Abgeordneter von den Verdiensten und vom Charakter Patrick Gordon Walkers in öffentlicher Versammlung "Ratte" genannt wird, wenn ihm in den Straßen Smethwicks mit höhnischer Bitterkeit nachgerufen wird: Laßt sie alle herein!" – dann stimmt etwas nicht. Die Beziehungen zwischen "Weißen" und "Farbigen" in Smethwick stimmen ganz und gar nicht. Smethwick ist in dieser Beziehung keine Ausnahme; aber es ist ein besonders lehrreiches Beispiel.

Patrick Gordon Walker ist einer der Labour-Abgeordneten, die sich in ihrer Einstellung gegen das "Commonwealth-Einwanderungsgesetz" keiner Leisetreterei, keiner Zweideutigkeit schuldig gemacht haben. Ein Gesetz, das seine "rassische" Tendenz so wenig verbarg, schien ihm gegen das Lebensgesetz des Commonwealth selbst zu verstoßen. So manche weißen Wähler von Smethwick nahmen ihm das bitter übel. Schon 1959 war seine Mehrheit nicht mehr so groß wie früher. Seither haben die Konservativen in der Stadt unzweifelhaft an Boden gewonnen.

Die Konservativen schlagen aus dem Problem der "Spon Lane-Planung" Kapital. "Spon Lane" ist ein Slum-Gebiet, das die Stadtverwaltung von Smethwick beseitigen will, um an seine Stelle moderne Wohnhäuser und Parkanlagen zu setzen. In den Slums von Spone Lane wohnen aber sehr viele Farbige. Sollen diese farbigen Familien in die modernen Wohnhäuser einziehen dürfen? Die Konservativen sind dafür, ein Anrecht auf Umsiedlung in die neuen Häuser nur Familien zu gewähren, die mindestens seit zehn Jahren in Smethwick leben. Aber die meisten Farbigen sind erst in den letzten fünf Jahren eingewandert. Was soll nun aus ihnen werden? Was immer aus ihnen wird, erklären die Konservativen – es wäre doch höchst unfair, wenn englische Familien, die sich viel länger um Gemeindewohnungen bewerben, von diesen Farbigen beim "Anstehen" überholt würden.

Es gibt so manche Wahlkreise in London und den industriellen "Midlands", in denen die Gemüter ähnlich erhitzt sind, und aus ähnlichen Gründen; so manche Wahlkreise, in denen die Stimmen farbiger Wähler entscheidend werden könnten – und die Reaktion weißer Wähler auf die Tatsache farbiger Nachbarschaft mindestens ebenso entscheidend ist.