Seit einigen Jahren erscheint bei Eugen Diederichs die berühmte, von Friedrich von der Leyen herausgegebene Sammlung „Die Märchen der Weltliteratur“ in neuer Folge. Sie ist mittlerweile schon wieder auf mehr als zwanzig Bände gediehen, und jeder Märchenfreund – sei er nun Wissenschaftler oder nicht – findet darin eine Fülle des verschiedenartigsten Märchengutes aus aller möglichen Herren Länder nicht nur versammelt, sondern auch gesichtet, geordnet und kommentiert. Wie schon die bisherigen, so sind auch die zuletzt erschienenen Bände dieser Reihe für Märchensammler eine reine Freude –

„Altägyptische Märchen“, herausgegeben von Emma Brunner-Traut; Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf; 312 S., Halbleinen 14,80, Leder 29,– DM.

Mit diesem Band wird der Leser an die Quellen des Märchens herangeführt. Viele in späterer Zeit bei den verschiedensten Völkern wiederkehrende Muster und Motive finden sich schon in der altägyptischen Überlieferung vorgebildet, wie sie auf Papyrusrollen und Schreibtafeln die Jahrtausende überdauert hat: so die Gestalten des Meisterdiebes und des schlauen Fuchses, das Brüdermärchen, der Zauberwettkampf und manches andere. Seinen besonderen Reiz erhält dieser Band durch die Wiedergabe von sechzehn Bildermärchen, die von der Herausgeberin behutsam und überzeugend verdolmetscht werden. – In einem weiteren Band

„Mongolische Volksmärchen“, herausgegeben und übertragen von W. Heissig; Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf; 268 S., Halbleinen 14,80, Leder 29,– DM

spiegelt sich eine womöglich noch fernere, fremdartigere Welt des Lebens und Denkens wider als in den Märchen der Ägypter. Dem Hirten- und Jägerdasein der Mongolen entspricht die im Verhältnis sehr beträchtliche Anzahl von Tiermärchen. Schamanistischer Volksglaube findet seinen Niederschlag in zahlreichen Zauber- und Dämonengeschichten, während vielen der Situationsmärchen, in denen erzählt wird, wie ein Held mit List und Geschick die Gefahren und Tücken seiner Umwelt meistert, ein ausgesprochen schwankhafter Grundton eignet. – Der Band

„Französische Märchen“, herausgegeben und übertragen von RéSoupault; Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf; 336 S., Halbleinen 14,80, Leder 29,– DM

bringt neben ein paar Kostproben aus der französischen Märchenliteratur des hohen Mittelalters einige wenige, aber bezeichnende Stücke aus der Periode Perraults und der Madame d’Aulnoy. Den Großteil des Bandes füllen jedoch, nach Landschaften geordnet und in dieser Gliederung besonders reizvoll und aufschlußreich, die echten, bis auf unsere Tage mündlich überlieferten Volksmärchen. Sie lesen und miteinander vergleichen heißt, eine höchst amüsante und anschauliche Lektion in französischer Stammeskunde absolvieren. Otfried Preußler