Kunrat von Hammerstein: Spähtrupp. Henry Goverts Verlag, Stuttgart; 311 S., 12,80 DM.

Die Stärke des letzten Chefs der Heeresleitung der Weimarer Zeit, Kurt Hammerstein-Equord, lag im Führen, Bewahren, Verwalten und Erkennen. Sein ältester Sohn, heute Mitte vierzig, lebt und arbeitet am Rhein. Er legt hier eine Sammlung von sechs Aufsätzen eigener Art vor. Alle sind vor 1960 in verschiedenen Zeitschriften, die von der „Außenpolitik“ über das „Labyrinth“ bis zu den (alten) „Frankfurter Heften“ reichen, erschienen. Ihre Konzentrierung bewirkt Effekte, die den Rahmen der bisherigen Erinnerungs-, Kriegs- und Widerstandsliteratur sprengen.

Die „Machtübernahme“ wird aus der Familie und dem Milieu des Vaters miterlebt, von dem Carl Goerdeler sagte, er habe in jenem Jahr für einen Augenblick das Steuer der Weltgeschichte in Händen gehabt. Man muß sich dabei ins Gedächtnis rufen, daß Hammerstein von manchen Berufs- und „Standesgenossen“ als der „rote“ Hammerstein bezeichnet wurde – weil er Demokrat war. Vielleicht auch, weil er seinerzeit als Major den militärischen Chef des Kapp-Putsches, den General von Lüttwitz, festgenommen hatte, der sein eigener Schwiegervater war. So war das damals in Deutschland. Kaum mehr vorstellbar.

Der „Spähtrupp im Westen“, mit dem der Fronteinsatz des Verfassers beendet war, weil er wegen eines Leidens, das ihn auch heute noch nicht verlassen hat, dann frontuntauglich wurde, erinnert den Leser der mittleren Generation in schöner und trockener Nüchternheit an die Monate hinter dem Westwall.

Der „türkische Sonntag“ läßt erste eigene Einsichten in mancherlei Korruptes und politisch Boniertes anklingen.

„Höhere Führer“ mag der Verfasser im großen und ganzen nicht. Besonders aber mißbilligt er den Feldmarschall von Manstein. Die „Beerdigung“ seines Vaters im fortgeschrittenen Kriege läßt den jüngeren Leser an Hand vorstellbarer Situationen ahnen, „wie das damals war“.

Den „Staatsstreich“ des 20. Juli kann jeder miterleben, denn hier wird nüchtern erzählt. Schonunglos. Für alle. Daß der Verfasser vorher lange Zeit der junge Mann bei Goerdeler war, macht ihn zu einem Zeugen ersten Ranges.