Zehn Jahre nach Stalins Tod verließ am 7. März 1963 eine Russin – mit tränenüberströmtem Gesicht, wie Beobachter der Szene berichteten – die Privatgemächer des Heiligen Vaters. Sie hatte einen Rosenkranz in der Hand, ein Abschiedsgeschenk des Papstes. Es war eine ungewöhnliche Besucherin: die Tochter Nikita Chruschtschows, Rada Adschubej. Zusammen mit ihrem Mann Alexej, dem Chefredakteur der "Iswestia", war sie von Johannes XXIII. zu einem 18-Minuten-Gespräch in die Bibliothek gebeten worden.

Es war ein spektakuläres Ereignis in der Geschichte des Vatikans: Das Oberhaupt der katholischen Kirche empfing zwei Abgesandte des Kreml. Als Chruschtschows Schwiegersohn den Papst fragte, ob es eines Tages auch zu einer Begegnung mit dem Sowjetpremier kommen werde, soll Johannes freundlich erwidert haben: "Die Epochen der Bibel dauern sehr lange. Jetzt stehen wir am ersten Tag. Wir sind hier, schauen uns in die Augen und sehen, daß in ihnen das Licht ist. Der Herr, wenn er will, wird uns den zu betretenden Weg weisen. Aber es braucht Zeit, es braucht Zeit..."

Dies war nun keine sybillinische Antwort, wie auch die Frage Adschubejs durchaus Hand und Fuß hatte: Nach den italienischen Parlamentswahlen, so wurde damals bekannt, werde Chruschtschow Rom besuchen und auch um eine Audienz beim Papst bitten, die dieser nicht ausschlagen könnte. Der Kremlchef beim Papst – schon der Gedanke allein verwirrte die Gemüter der vatikanischen Bürokratie. Die "Traditionalisten" innerhalb der Kurie waren bestürzt. "Der Papst steht nicht links", meldete sogleich der Vatikansender und bemühte sich, die Aufgebrachten zu besänftigen: Johannes XXIII. sei der "gute Hirte, der alle Menschen retten will, indem er sie mit seiner Sympathie und seiner Güte zum Guten einlädt, die nur Unkenntnis oder Böswilligkeit mit Nachgeben gegenüber dem Irrtum und dem Bösen verwechseln können."

Deutlich wurde schon früh, daß Johannes XXIII. kein Anhänger des kompromißlosen Antikommunismus seines Vorgängers Pius XII. war. Er, der das zweite Vatikanische Konzil einberief, galt in aller Welt als der Friedenspapst, als der Papst der Hoffnung. War es da nicht, so fürchteten die Konservativen in der Kurie, nur noch ein kleiner Schritt zum "Appeaser"?

Schon zum 80. Geburtstag des Papstes hatten sie aufgehorcht, als er eine Glückwunschadresse Chruschtschows erhielt und dem Gratulanten antwortete: "Ich will für das russische Volk beten." Es folgten das päpstliche Einverständnis zur "apertura a sinistra " – der Öffnung nach links – der italienischen Regierung, die Friedensbotschaft während der Kubakrise, der Empfang eines Mitglieds des polnischen Staatsrates im Vatikan, der Austausch von Jahreswechsel-Telegrammen mit dem Kreml, die Annahme des Balzan-Friedenspreises, für die auch die vier sowjetischen Mitglieder des Preiskomitees gestimmt hatten. Ihren Höhepunkt fand die "Roncalli-Linie", wie die New-Deal-Politik. des Pontifex maximus alsbald genannt wurde, mit der Enzyklika "Pacem in terris", die jede Verdammung des Atheismus, sogar das Wort "Kommunismus" absichtlich vermied.

Die Befürworter des harten Kurses vermeinten selbst hinter den freundlichen Gesten des Kremls eine Gefahr zu erkennen: Chruschtschow ließ zwei Angehörige der russisch-orthodoxen Kirche als Beobachter zum Konzil reisen, er verfügte die Entlassung des ukrainischen Metropoliten Josyf Slipji aus achtzehnjähriger Haft, und er machte wohl auch in Prag und Budapest seinen Einfluß geltend, wo mehrere Bischöfe auf freien Fuß gesetzt wurden.

Solches Entgegenkommen, der östlichen Machthaber wurde zwar dankbar quittiert, der Stachel des Zweifels indessen saß bei den "Bürokraten" im Vatikan doch zu tief. Argwöhnisch verfolgten sie alle Versuche des Papstes, das aggiornamento im Konzil, die "Anpassung an die Forderungen des Tages" durchzusetzen, seine Absicht, "die Gemüter zu läutern, die krummen Wege zurechtzubiegen und die steilen Pfade zu ebnen", sie mißtrauten seinem "Realismus", seinem Wort von der "übernationalen Neutralität" vatikanischer Politik. Kurienkardinal Ottaviani, der Kopf der Fronde, ließ sich auch nicht durch die freundliche Mahnung beirren, die ihm Johannes XXIII. erteilte: "Wer Glauben hat, zittert nicht. Er überstürzt nicht die Ereignisse, er ist nicht pessimistisch, er verliert nicht die Nerven." Daß der Papst einen Kommunisten wie Adschubej zu einem Gespräch unter vier Augen empfangen hatte, wog schwerer als jeder begütigende Zuspruch.