Mit Hilfe synthetischer Makromoleküle gelang es kürzlich dem Tübinger Professor Ernst Bayer und seinen Mitarbeitern, aus dem Wasser des Golfs von Neapel Gold, Kupfer und Uran zu gewinnen. Dieser Erfolg läßt die Hoffnung auf eine Schatzsuche in den Ozeanen der Welt wieder aufkeimen. Schätzungsweise 6,5 Milliarden Tonnen Kupfer, 0,5 Milliarden Tonnen Uran und 70 Millionen Tonnen Gold birgt diese natürliche Rohstoffquelle für seltene Elemente, die bisher nicht erschlossen werden konnte. Zum Vergleich: die Weltproduktion für Gold betrug im Jahre 1937 rund 1200 Tonnen.

Versuche, Gold aus dem Meerwasser zu gewinnen, wurden bereits um die Jahrhundertwende von verschiedenen Forschern unternommen. Am bekanntesten und erfolgreichsten waren die Untersuchungen von Fritz Haber, dem Entdecker der Ammoniaksynthese. Mit finanzieller Unterstützung der Metallbank und der Deutschen Gold- und Silberscheideanstalt konnte sich der berühmte Chemiker ein schwimmendes Laboratorium einrichten und die Weltmeere auf ihren Goldgehalt prüfen. Mit großer Geduld analysierte er nach einem von ihm entwickelten Verfahren 5000 Wasserproben. Das Resultat: Haber mußte feststellen, daß der Goldgehalt im Meerwasser hundert- bis tausendfach geringer ist, als seinerzeit angenommen wurde. Vor einer so geringen Goldkonzentration kapitulierte der Wissenschaftler. Resigniert beendete er seinen Forschungsbericht in der „Zeitschrift für angewandte Chemie“: „Ich habe es aufgegeben, nach dieser zweifelhaften Stecknadel in einem Heuhaufen zu suchen.“ Damit trug er seinen Plan zu Grabe, die Reparationszahlungen des Ersten Weltkrieges mit Gold aus Meerwasser zu ermöglichen.

Die Tübinger Wissenschaftler haben nunmehr einen Trick gefunden, der auch bei schwacher Metallkonzentration die Goldgewinnung aus dem Meer jedenfalls im Prinzip möglich macht. Sie synthetisierten Makromoleküle, die bestimmte Metalle wie Uran, Kupfer oder Gold spezifisch anzureichern vermögen. In diesen organischen Molekülen sind die Atome so angeordnet, daß sie nur mit einem bestimmten Metall-Ion eine Reaktion eingehen können. Uran, Gold oder Kupfer läßt sich auf diese Weise aus wässrigen Lösungen, in denen sich wie im Meerwasser eine Menge anderer Elemente befinden, abtrennen. Durch eine einfache Operation können dann die Metalle wieder aus der makromolekularen Verbindung herausgelöst und weiter verarbeitet werden.

Zur Synthese solcher chemischer Substanzen wurde Professor Bayer durch Beispiele in der Natur angeregt. Im Hämocyanin, dem Blutfarbstoff der Tintenfische, kommt Kupfer in hunderttausendfach stärkerer Konzentration vor als im Meerwasser. Der Vanadiumgehalt im Hämovanadin, dem Blutfarbstoff der Manteltiere, beträgt sogar das Millionenfache des Meerwassers. Wie Hämovanadin und Hämocyanin reagieren die von Professor Bayer hergestellten Verbindungen spezifisch nur mit Kupfer-, Uran- oder Gold-Ionen. Sie haben gegenüber den Naturprodukten den Vorzug, daß sie wesentlich stabiler sind.

Wolfgang Voelten