Von Peter Mörser

Alle gerechten Zünfte und Gewerbe haben in Generationen ihre eigene Gebrauchssprache entwickelt, ob Kauf-, Berg- oder Seeleute, Ranglisten, Kleriker oder ganz ehrlich-schlichte Gauner. Manches an diesen Sprachen ist hoffähig geworden, manches in die Literatur eingedrungen, zumal die Seeleute haben eine weite Spanne in ihrem literarischen Kabinett, meinetwegen von Homer bis Ringelnatz. Alle diese Sprachen sind selbstverständlich Geheimsprachen, und man belegt sie daher als guter, einfältiger Christ von altersher mit dem Namen ,,Latein“. Modernere Gemüter bestehen darauf, Latein als Chinesisch zu bezeichnen.

Das Latein zerfällt demnach nächst dem Kirchenlatein in ein Kaufmannslatein, Seemannslatein und so weiter. Der Sinn des Lateins ergibt sich erst daraus, daß man imstande ist, not falls ganz ohne dasselbe auszukommen – beziehungsweise daß es seine eigene Parodie stets in sich enthält. Ob das schon Homer klar war, sei dahingestellt, Ringelnatz jedenfalls wußte es. Prototypen solcher Verräter am Branchenlatein sind unter den Literaten zum Beispiel der Seemann Joseph Conrad und der Flieger Saint-Exupéry. Einem Deutschen freilich kommt dergleichen nicht so leicht vor. Wir bestehen auf unserem Latein.

Das Latein erregt andererseits Ärgernis. Es erregt das Ärgernis derer zunächst einmal, die es nicht verstehen, und derer zum andernmal, die es zu gut verstehen in seiner anmaßenden oder angemaßten Superiorität. Ein schöpferisches Latein ist aber jedenfalls eine Bereicherung der Durchschnittssprache.

Die vornehmste und wichtigste Art des Lateins ist seit altersher das Jägerlatein. Denn ein Jäger ist der Mensch gewesen, bevor er noch ins Licht der Geschichte trat, und Jäger ist er heute noch. Denn Jagd ist nicht das, was der Tierschutzbund sich darunter vorstellt: Ob man nun den mythischen Adonis nimmt, den Kaiser Maximilian oder Papa Hemingway – sie alle jagten nicht um der Beute willen, sondern ums Prestige und um nichts als das, und das ist es, was die Haie dem Alten Mann nicht nehmen konnten, als er vom Meer heimkam, Das Prestige des Jägers verkörpert sich in der Trophäe.

Die Jagd nach dem Prestige ist Widerpart der Jagd nach dem Geld. Der Jagd im engeren Sinne des Wortes könnte also nur dadurch der von den Tierschützern ersehnte Garaus gemacht werden, daß es gelänge, der Tötung von Tieren jegliches Prestige zu nehmen. Dies aber wurde bedeuten, daß nicht nur die Tauben in unseren Städten heimlich in der Morgenfrühe von Magistrats-Beauftragten vergiftet werden müßten, sondern gleichfalls manches andere, was da kreucht und fleucht und sich seiner Natur nach, da es außer dem Menschen keinen Feind hat, vermehrt, ungeachtet des Ausverkaufs der Natur im Gefolge des Fortschritts menschlicher Zivilisation, bei uns zumindest Fuchs, Hase, Reh und wilde Sau.

Andererseits ist es natürlich ein Übel mit dem Prestige: Denn nur deutsche Lexika (nomen est omen!) sehen im Prestige ein Synonym von „Ansehen“. Der zuständige französische Larousse hält Prestige für eine „Illusion opérée par artificé‘, und die alten Lateiner gar verstanden unter „praestigiae“ schlicht Blendwerk. Die Jagd ist mithin ein notwendiges Blendwerk, auch im Rahmen unserer Gesellschaft.