Das Urteil im Mariotti-Prozeß: Lebenslänglich Zuchthaus für die Angeklagte

Von Ruth Herrmann

Hamburg

Eva hat angerufen. Sie will morgen kommen“, trug die zweiundsechzigjährige Frau Moser am Tage vor ihrem gewaltsamen Tode ins Tagebuch ein. Das Schwurgericht nahm an, daß Eva Mariotti am nächsten Tage, dem 28. Juni 1946, dann wirklich kam und zusammen mit ihrem Landsmann, dem Tschechen Sterba, die Witwe ermordete. Es verurteilte sie wegen gemeinschaftlichen Mordes und besonders schweren Raubes zu lebenslänglichem Zuchthaus. Die Angeklagte war bis zuletzt dabei geblieben, daß sie versucht habe, Frau Moser verabredungsgemäß zu besuchen, sie aber nicht angetroffen habe.

Der Prozeß war die Suche nach der verlorenen Zeit. Allgemeine Erinnerungen an Hunger, Schwarzmarkt, Unordnung, an Untertauchen der einen und Wiederauftauchen anderer wurden geweckt, ohne daß es besonderer Gedächtnishilfen bedurfte. Aber die detaillierten Erinnerungen von Zeugen an Umstände, die mit dem Mord zusammenhingen, an jetzt plötzlich wichtige Kleinigkeiten, die damals nebensächlich und kaum beachtet worden waren – sie mußten bei den Zeugen zum großen Teil künstlich wiederbelebt werden. Die Erinnerung an Einzelheiten konnte auch in der Angeklagten nicht klar geblieben sein, und bei ihr mußte sich natürliches Dunkel der Vergangenheit ganz sicher mit jenem Dunkel mischen, in das alles zu hüllen sie bestrebt sein mußte – wenn sie die Tat begangen hatte. Sie erinnerte sich nur an weniges und konnte Widersprüche kaum je erklären.

Bei einem so sensationellen Prozeß pflegen sich Parteien zu bilden. Die eine ist überzeugt, daß die Angeklagte gemordet hat, die andere ist vom Gegenteil überzeugt. Die dritte Partei derer, die weder zu der einen noch zu der anderen Überzeugung gelangen können, war und ist bei diesem Fall wohl die größte. Zu ihr gehörte im vorigen Jahr auch das Gericht, das am Ende des ersten Prozesses nicht die ausreichende Gewißheit über Schuld oder Nichtschuld erlangen konnte und darum weitere umfangreiche Ermittlungen anstellen ließ. Staatsanwalt und Verteidiger unternahmen zu diesem Zweck Reisen, die sie bis nach Südamerika führten. Dort, in Sao Paulo, wurde Eva Mariotti bekanntlich im Oktober 1960 festgenommen, von dort ein Jahr später nach Deutschland ausgeliefert.

Der zweite Prozeß begann am 24. Februar und zog sich über zwei Wochen hin. Fünfundsechzig Zeugen wurden gehört.