Von Nina Grunenberg

Bonn

Im Bonner Landgericht herrschte Alarmstufe eins. Vierzig Polizisten und Kriminalbeamte hielten die Ein- und Ausgänge besetzt. Hinein kam nur, wer Personalausweis und numerierte Einlaßkarte vorzeigte. Vor der Tür zum Schwurgerichtssaal in der ersten Etage stockte der Verkehr. Hier wurden nicht nur die Ausweise kontrolliert, sondern auch die Besucher. Hurtig klopften Kriminalbeamte sie von der Achselhöhle bis zum Fußknöchel ab. Bei mir forschte eine Beamtin der weiblichen Kriminalpolizei mit schrägem Blick und energischem Griff nach Revolver und Plastikbombe in der Manteltasche: Das Gericht wollte balkanischen Temperamentsausbrüchen vorbeugen.

Auf der Anklagebank saßen jene 26 Kroaten, die am 29. November 1962 ein Sprengstoffattentat auf die jugoslawische Handelsmission in Mehlem verübt hatten. Dabei war ein Hausmeister getötet und eine andere Person verletzt worden. Wie die Emigranten hinterher erklärten, hatten sie mit dem Überfall für ein unabhängiges Kroatien demonstrieren wollen.

Die Angeklagten, zwischen 23 und 33 Jahre alt, sahen jetzt einer Schulklasse ähnlicher als gefährlichen Extremisten und Geheimbündlern. Einen Hauch von Gefahr im Saale verbreitete dagegen ein Geschwader ihrer Landsleute, die sich geräuschvoll und wild gestikulierend auf den für die „Sachverständigen“ reservierten Bänken und im Zuschauerraum niedergelassen hatten.

„Wir können ja noch ein Stück zusammenrücken“, bat mich eine korpulente ältere Dame im schwarzen Spitzenkleid mit ringgeschmückten Fingern, die meinen Platz besetzt hielt. „Denn wir müssen alle dabei sein.“ Und dann beugte sie sich zu mir, deutete auf die Angeklagten und flüsterte: „Ich wollte Ihnen nur sagen, das sind reine kroatische Patrioten. Mit Faschismus hat das überhaupt nichts zu tun. Zu der Zeit waren sie doch noch Kinder.“

Einige der kroatischen Prozeßbeobachter, zu denen auch zwei katholische Priester gehörten, waren aus Jordanien, Israel, Südamerika und den USA herbeigereist, um den Angeklagten beizustehen. Und ihr Beistand beschränkt sich nicht nur auf eine unverbindliche Solidarität: In Köln wurde ein Komitee zur Verteidigung der verhafteten Kroaten gebildet. Von diesem Konitee wurden acht der insgesamt neun Verteidiger engagiert. Am Morgen des Verhandlungstages hatten die Emigranten bereits versucht, mit einer Flugblattaktion die Bonner über die Kroaten aufzuklären.