Hannovers Plan ist, wie gesagt, das Werk von Rudolf Hillebrecht. Er ist 1960 zum zweitenmal für zwölf Jahre zum Stadtbaurat gewählt worden und hat im vergangenen Jahr den Posten des Oberstadtdirektors von Hannover ausgeschlagen, um der Stadt die – in der Bundesrepublik wohl einzigartige – Kontinuität der Bauführung zu erhalten. Denn mit einem Plan – mag er auch vorzüglich sein – ist es niemals getan. Der Glücksfall Hannover konnte nur entstehen, weil Hillebrecht die Möglichkeiten der Durchführung kennt, anders gesagt: weil er mit der Bürokratie umgehen kann. Sicher kam ihm zugute, daß in einer Stadt von noch übersehbarer Größe die Entpersönlichung des Managers offenbar langsamer fortschreitet. Jedenfalls gelang es immer wieder, Gleichgesinnte zu finden, die sich für die Realisierung des Planes einsetzten. Im Rat der Stadt fand Hillebrecht Verständnis, genauer: Es gelang ihm, den Rat allmählich zu überzeugen.

Hier mag wichtig gewesen sein, daß der Sohn der Stadt ein anderes Vertrauen genießt als der „zugereiste“ Planer. Trotzdem gab es Schwierigkeiten genug: In den fünfzehn Jahren seit 1948 mußte Hillebrecht immer wieder für seine Ideen werben, im großen wie im kleinen Kreis. Auch dabei fand er neue Formen, das Gespräch mit der Bürgerschaft.

Es war 1953, als er über Nacht eine Broschüre verfaßte und sie in 100 000 Exemplaren verteilen ließ; denn damals war der Neubau des Bauamtes bedroht: Eine reaktionäre Gruppe wollte den damals sogenannten „Erweiterungsbau“ zum Neuen Rathaus in falscher Renaissance errichtet sehen wie dieses. Wie Hillebrecht nun seinen Mitbürgern die Absicht des Neubaues in jeder Einzelheit erklärt, wie er rechtfertigt, daß ein paar gesunde Bäume gefällt werden müssen, wie er die Schönheit des neu entstehenden Platzes schildert, wie er eindringlich um Verständnis wirbt – das ist geradezu rührend nachzulesen. Da ist nichts von Arroganz spürbar, sondern die Bescheidenheit eines Mannes, der den Mitbürger als Partner nimmt. Sicher ist dies einer der Gründe, warum Hannover heute in der Reihe jener Städte in der Bundesrepublik den zweiten Platz einnimmt, die bei ihren Bürgern beliebt sind. Die Hannoveraner kennen ihre Stadt.

Hillebrecht hatte außerdem 1948 die Gründung der Aufbaugemeinschaft Hannover inspiriert und – als dort reaktionäre Tendenzen wirksam wurden – 1953 die „Lavesgesellschaft für moderne Baukunst“. Sie ist nach dem Baumeister des Klassizismus benannt, dem die Stadt Pläne und Bauten aus ihrer ersten höfischen Blütezeit verdankt, und dessen 100. Todestag sie im April begeit. Durch eine jährliche Prämiierung guter Bauten wurde diese Gesellschaft über die Grenzen Hannovers hinaus bekannt. Die Allgemeinheit für das Bauen zu interessieren, Architektur ins Gespräch zu bringen: das ist auch ein Versuch, den Hillebrecht inspiriert hat.

Je intensiver man die Bauentwicklung und das geistige Leben Hannovers betrachtet, desto öfter stößt man auf Hillebrecht. Schließlich wird einem klar, daß es hier offenbar noch einmal der Persönlichkeit eines Baumeisters gelungen ist, die ihm anvertraute Stadt zu prägen, so wie es die großen Baumeister der Vergangenheit getan haben. Nur: was früher der Künstler durch das Gespräch mit dem Souverän realisiert hat, setzt Hillebrecht heute – viel mühsamer – im Gespräch mit dem souveränen Bürger, seinen Vertretern und im persönlichen Kontakt mit Gebildeten durch.

Gegen die beiden heute noch wirkenden antithetischen Stadtbilder – den schreckenerregenden Moloch Großstadt und die naiv angeschwärmte Gartenstadt – setzt er als Synthese seine Idee der gegliederten Stadtregion, in der Stadt und Umland planmäßig zusammenwachsen. Mit diesen Ideen wirkte Hillebrecht weit über Hannover hinaus. Er gilt heute als Avantgardist des Städtebaus: nicht nur weil er einen guten Stadtplan entwarf, sondern weil er das Lebensrecht der Stadt verteidigt und begründet.