Von Walter Abenbroth

München ist gewiß eine der festfreudigsten Städte, die es überhaupt gibt: Eine "Saison" reiht sich hier an die andere; der ganze Jahreslauf ist durch diese einander ablösenden Feste gegliedert. Aber nicht häufig wird sich ein Fest über die gesamten zwölf Monate ausbreiten können und damit der ununterbrochenen Kette gewohnter Festlichkeiten zusätzlichen Glanz verleihen. Heuer jedoch ist ein solcher Anlaß gegeben: Ob der Fremde nach München kam, um den Fasching zu feiern, ob ihn die Starkbierzeit lockte, ob er die Fronleichnamsprozession erleben möchte, ob das Oktoberfest – immer findet er die Möglichkeit, daneben an irgendeiner der unzähligen Veranstaltungen teilzunehmen, die der Feier des 100. Geburtstages des Komponisten Richard Strauss gewidmet und nahezu über das ganze Jahr 1964 verteilt sind; in der ersten Jahreshälfte in dichterer, in der zweiten in dünnerer Reihenfolge. Sie auch nur annähernd aufzuzählen, ist unmöglich.

Hatte schon an den Eröffnungs-Festwochen des Nationaltheaters Strauss einen gewichtigen Anteil gehabt, so lief gerade eben ein von Anfang bis Ende total ausverkaufter "Festlicher Richard-Strauss-Zyklus" ab, der, teils im Nationaltheater, teils im Cuvilliestheater, "Salome", "Die schweigsame Frau", "Daphne", "Die ägyptische Helena", "Elektra", "Die Frau ohne Schatten", die "Josephslegende", "Arabella", "Ariadne auf Naxos" und "Capriccio" in wahrhaft blendenden Musteraufführungen, mit Elitebesetzungen und Ausstattungsprunk herausbrachte.

"Daphne" und "Capriccio" waren Neuinszenierungen. Und wenn auch die beteiligten Dirigenten Joseph Keilberth, Hans Gierster, Heinz Wallberg, Meinhard von Zallinger sowie die Regisseure Heinz Arnold, Hans Hartleb und Rudolf Hartmann jeder in seiner Art dazu beitrugen, das hohe Niveau der Münchner Strauss-Tradition zu bestätigen – die Seele der Strauss-Verehrung, der nunmehr in der Bayerischen Staatsoper eine Kultstätte erstand, an deren Altar kaum noch einem anderen Gotte gleiche Ehren zugebilligt werden – die Seele dieses luxuriösen Opferdienstes ist doch Intendant Rudolf Hartmann selbst.

Er hatte auch die künstlerische Gesamtleitung des Festzyklus inne. Und da er, der heute wohl unbestritten am meisten berufene szenische Strauss-Interpret, in Keilberth auch einen Mitarbeiter hat, der mehr und mehr in die nervöse Preziosität dieser Orchestersprache hineinwächst und ohnehin ein Operndirigent. von ebenso größer geistiger Beweglichkeit und musikalischer Sensibilität wie technischer Überlegenheit ist, so darf man sagen, daß, auch abgesehen von allen kalendarischen Anlässen, München wohl Anspruch darauf hat, als das Mekka der Strauss-Enthusiasten aller Welt anerkannt zu werden. Es versteht sich von selbst, daß auch die diesjährigen Münchner Sommer-Festspiele zwischen dem 17. Juli und 16. August diesem Rufe nichts schuldig bleiben werden.

Der "Festakt des Freistaates Bayern und der Landeshauptstadt München", mit welchem am Geburtstage selbst, am 11. Juni, der offizielle Höhepunkt der Ehrungen erreicht wird, dürfte ein überzeugendes Zeichen dafür sein, daß in diesem Falle das Wort von dem Propheten, der in seinem Vaterlande nichts gilt; einmal ganz und gar keine Geltung hat. Nein, die Münchner insbesondere lassen es an landsmännischem Stolz wahrhaftig nicht fehlen. Schon lange trägt eine der neuen Prachtstraßen im noblen Stadtteil Bogenhausen den Namen des berühmtesten Sohnes der Stadt. Seit zwei Jahren plätschert in einem Verkehrstoten Winkel der Neuhauserstraße (im Stadtzentrum) der Richard-Strauss-Brunnen von Hans Wimmer, dessen bronzene Säule mit Figurinen aus den beliebtesten Strauss-Opern geschmückt ist. Und vor wenigen Tagen wurde das ehemalige "Trappsche Konservatorium", das inzwischen zum "Städtischen Konservatorium" avancierte, in "Richard-Strauss-Konservatorium" umgetauft.

Man sieht also: Die Stadt läßt sich nicht lumpen. In der Tat gibt es ja auch wirklich keinen zweiten "geborenen Münchner", der sich mit diesem an internationalem Ruhme und kunstgeschichtlicher Bedeutung zu messen vermöchte. Er ist den Münchnern ein unschätzbares Beweisstück gegen die Behauptung, alles, was hier jemals Rang und Namen besessen habe, sei zugewandert. Nun ist da ein unwiderleglich beglaubigter echter Münchner, dessen Name und Werk eine ganze musikgeschichtliche Epoche, eine Weltepoche repräsentiert