Von Arno Schmidt

„... married to writing...“

Thomas Amory

Die starke schwarze Morgenluft, in der unten ein Endchen Mond flakkert (mit zwei k; da gebärdet’s Schriftbild sich wimpelchenmäßiger, und deckt ergo den flirrenden Tatbestand etwas besser). Sehr fernes Glockenläuten (also Südwind; nahes ist unangenehm, dazu gehört schon ein ziemlich rindsledernes Trommelfell). Ein roter Querstrich auf weißem Grund – ? – (das ist dann, im Fernröhrchen, ein Reh in blühenden Kartoffeln).

Bauern und Bäuerinnen, gebäucht über landwirtschaftliche Geräte verschiedener Art, rüsten sich, zum Melken zu fahren; denn es ist kurz nach fünf – da bin ich das erstemal schon müde. Ich gehöre leider nicht zu jenen beneidenswert „Faustischen Naturen“, deren Hauptwesenszug nach St. Joyce in einer „general disinclination to work of any kind“ besteht; halte vielmehr einiges von der hübschen-alten puritanischen Maxime des: „ein Tagewerk noch vorm Frühstück!“ (und daß man „im Osten“ Orden für Fleiß und Arbeit verleiht, dafür wäre Carlyle auch gewesen).

Hier sitz’ ich also, ein alternder Autor, mein Bündelchen Bleistifte in der Hand, morphe ländliche Poly-Camellen nach meinem Geiste; an den Wänden, in hölzernen Regalen, der Aufmerksamkeit meiner Zeitgenossen entschwundene Bücher; und kann, bevor ich das nächste größere Pensum angehe, zwischendurch ein wenig auf der Zunge phantasieren „über die Hilfsmittel des Schreibenden“.

Und ich meine jetzt nicht Schillers faulende Äpfel und nicht Grabbes sorgsam auf dem Tisch zurechtgestellte vier Wassergläser blanken Rums (vom „Gehirntier“ orakle ich nachher noch ein bißchen). Meine nicht die den Wortvorrat auffüllenden oder auslüftenden Vokabel-Schatzhäuser des Adelung oder Kletts sehr brauchbares Synonymenlexikon. Und will auch gar nicht sehr Fehlendes beseufzen, als da wäre ein gutes-großes Reimlexikon (aber nun wirklich tausend doppelspaltige Seiten!), unschätzbar dem Übersetzer oder dem Entzifferer von nur am hinteren Ende noch lesbaren Worten; oder ein deutsches Äquivalent des „Oxford Companion to English Literature“ – nein; von all dem (vielleicht) ein andermal. Heut will ich lediglich ein Bändchen erst liebevoll in der Hand wiegen-wägen, dann präsentieren: „Ahnert“.

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„Last night of all, / when yon same Star, that’s westward from the pole, / had made his course to illume that part of heaven, / the bell then beating one...“

(Hamlet)

„Beispiele aus dem täglichen Leben“, heißt es, hätten immer so was Überzeugendes? Nu wunderbar! Da brauch’ ich bloß links neben mich zu greifen.

„Das Dubliner Tagebuch des Stanislaus Joyce“ (das ich gerade für Suhrkamp übersetze) hat als Herausgeber einen Professor Healy, von der Cornell-Universität in, ausgerechnet, „Ithaca“ – ein Europäer muß ja bei so was immer zuerst mal kichern. Der stellt einleitend, bezüglich der kurios durcheinandergehenden Daten der einzelnen Eintragungen, nach verantwortungsvoller Erwägung mehrerer Möglichkeiten, die Hypothese auf: daß es sich dabei nicht um den Tag der Niederschrift, sondern um den des Ereignisses selbst handeln müsse.

Da bin ich nun eben auf den Seiten 58 ff., wo der erstaunliche Neunzehnjährige anläßlich eines Abendganges durch Dublin beschreibt, wie er dicht über Parkbäumen den „bright horned moon“ erblickte; und wenige Zeilen weiter suggeriert es ihm einen „garden to the crescent moon“. Das Datum – nach dem Herausgeber ergo „Der Tag des Ereignisses“! – soll der „26. Juli 1904“ sein; nur schade, daß ausgerechnet in der Nacht vom 26. zum 27. Juli 1904 der Vollmond die Stunde regiert! Professor Healys Theorie ist also, zumindest in diesem einen Fall, schwerlich haltbar. Aus den näheren Umständen – „Stephen’s Green“von „the top of Grafton Street“ aus gesehen – ergibt sich, daß es, wenn schon überhaupt ein Julitag, dann der 17. gewesen sein muß.

Woher ich das weiß? Aus dem Ahnert! (Da ich, wenn finanziell irgend zu verantworten, kein Scharlatan bin, gebe ich, hinter der Hohlhand, zu: ich hab’ den Oppolzer benützt. Aber der ist seit siebzig Jahren nicht mehr im Handel, und Ahnert leistet genau dasselbe.)

Ein einziger Einzelfall? Ach, du lieber Setebos! Seien aus der Fülle dessen, was nur mir schon zustieß, flink noch ein paar Exempel herausgegriffen. Ich habe unter anderem auch eine Biographie des Romantikers Fouqué verfaßt; und konnte dessen „Böhmenreise“, im Juli-August 1822, nur deswegen von Tag zu Tag genau datieren, weil der einmal angab, wie er zu einer bestimmten Stunde, an einer bestimmten Stelle in Teplitz einfuhr, während eben der Mond, in einer ganz bestimmten Gestalt, dort über den östlichen Höhen emporschwebte – es hat sich das bißchen Rechnung gelohnt: Rund fünfzig Tage seines Lebens lagen, zeitlich und räumlich geordnet wie auf einem Meßtischblatt, plötzlich vor mir!

Karl May (über den ich eine umfangreiche Studie bei Stahlberg erscheinen ließ) hatte die verständliche, aber äußerst unangenehme Angewohnheit, seine frühesten Beiträge in selbstredigierten, allerobskursten, seit neunzig Jahren ausgestorbenen Zeitschriften unterzubringen, die zu benützen ich leider verdammt war; weil es bei ihm, aus ganz bestimmten Gründen, auf die Genesis und die mikroskopische Anatomie der unfrisierten Ersttexte ankommt. Und da war nun die eine, nur in fragmentarischen Nummern auf mich gekommene Wochenschrift zeitlich platterdings nicht zu fixieren. Mir war in dieser Beziehung schon mancherlei zugestoßen; einen Jahrgang des Vaterhaus habe ich nur datieren können, weil in einer Nummer für die „192. Sächsische Landeslotterie“ geworben wurde; und selbst Einzelnummern der diversen Gartenlauben geben gern Rätsel auf; aber hätte hier, in dem erwähnten schwierigsten Fall, sich nicht eine der beliebten volkstümlichen Betrachtungen à la „Der Sternenhimmel im Januar“ gefunden, ich wäre heute noch unsicher – ein Zustand, den ich ganz besonders schätze. So allerdings war’s Kinderspiel; denn wer half mir aus der Not? – ? –: Ganz recht.

„I don’t mind lying, but I hate inaccuracy!“ Samuel Butler

„Sehen Sie doch bitte einmal nach“, schreibt am 12. Oktober 1843 der sehr große Gauß an seinen Freund Schumacher in Altona, „ob Sir Walter Scott in der Ihnen gewiß leicht zugänglichen Originalausgabe auch immer den Mond in Nordwesten aufgehen läßt?, ‚the füll moon, rising in the north-west‘. Ich habe nur den Chemnitzer Nachdruck, in dem er dies Phänomen zweimal vorführt; im ‚Herz von Midlothian‘, Kap. 15, und in der ‚Änne von Geierstein‘, Kap. 8.“ De der Mond nur im Ost-Sektor aufgehen kann, handelt es sich hierbei nämlich um eine schlichte Unmöglichkeit; („engagierte“ östliche Kollegen dürfen sofort, ex-oriente-lux-mäßig erfreut, den Kopf heben; westliche Literasten in ihre Reportagen Wendungen verweben wie „traurig schlich die unvollkommene Scheibe des späten Monds mit feuchter Glut über der DDR herauf“).

Eines der bekanntesten englischen Deklamatorenstücke, Wolfs „Burial of Sir John Moore at Coruna“, schildert es ergreifend, wie jener am 17. Januar 1809 vor Tagesanbruch auf dem Glacis der Festung begraben wurde; und der umflorten dumpf-tumben Trommeln und vorschriftsmäßig gedrückten Untergebenenstimmung ist kein Ende: „We buried him at the dead of night“ – von mir aus genehmigt; aber auch „by the struggling moon-beams misty light“? Also das nun eben nicht! Denn bereits achtundvierzig Stunden zuvor war Neumond gewesen; der ging am 17. erst nach der Sonne auf; und war überhaupt, vor lauter Magerkeit, noch gänzlich unsichtbar. Nichts gegen Nachtübungen am Busento; aber das hier ist heroischer Kientopp.

Natürlich sind Frau Lunas Foppereien nicht etwa auf den angelsächsischen Sprachraum beschränkt. „Das war eine Nacht!“ heißt es in einem gewissen „Werther“ von der vom 9. zum 10. September 1771; eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang erhebt sich da der Mond „hinter dem buschigen Hügel“ und beleuchtet dann gefällig die ganze folgende Abschiedsszene. Da macht man sich aufmerksam „auf die schöne Wirkung des Mondenlichts, das am Ende der Buchenwände die ganze Terrasse vor uns erleuchtete“; wandelt leidenschaftlich auf und ab; und „sie gingen die Allee hinaus; ich stand, sah ihnen nach im Mondscheine, und warf mich an die Erde und weinte mich aus“. Nur, leider, war „in Wirklichkeit“ an dem angegebenen übelgewählten Datum wenige Stunden zuvor Neumond gewesen und die selbst mit bewaffnetem Auge nicht wahrzunehmende, haarfeine Sichel eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang verschwunden; konnte also auf keinen Fall das zu einer kompletten Sturm-und-Drang-Trennung anscheinend unerläßliche schmachtende Licht spenden.

Leopold Schefer, bekanntlich einer meiner Lieblinge, kriegt das leider auch fertig, in seinem Gedicht „Nordlicht“ zu schwelgen:

Denn feurig geht der Vollmond gar nun auf, bang ächzend schwirrt die Eule wieder Um, die alte Weide leuchtet wie ein Geist, und nach der Sterne Stand ist’s Mitternacht.

Sorry! Das, was um Mitternacht aufgeht, kann nur ein abnehmender Halbmond sein. (Und man komme mir, bitte, nicht mit „Stimmung“ und ähnlich feinsinnigen Ausreden; da frage ich nur zurück: hätte er nicht auch sagen können, „denn feurig geht der Halbmond gar nun auf“?)

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„Phantom cities phaked by philim pholk“ (Finnegans Wake)

„Alles bisher – negativ, und bestenfalls literaturhistorisch brauchbar“? Moment; ich bin noch nicht ganz zu Ende.

Wäre nicht auch ein Schriftsteller denkbar, der, ehe er zu einem umfangreich-gewichtigen Buche ansetzt, sich gern mit „Ordnung“ schon aus dem Grunde umgibt, weil er der (vielleicht ja sogar richtigen) Meinung ist, daß auch Landschaften und Beleuchtungen genau so echt sein sollten wie Gestalten und Vorgänge? Brockes, der bedeutende, oder Cooper (in dessen Nachfolge dann Stifter) pflegten sich, ehe sie die Beschreibung einer Lokalität wagten, den betreffenden Ort nicht nur mehrmals und eingehend anzusehen; nein, sie bestimmten auch die dort gedeihenden Pflanzenarten und sahen möglichst Kalender und Wetterberichte jener Tage ein, in die sie ihre Handlung zu verlegen vorhatten – alles zeitraubende Vorstudien; die sich der, der mit „erdachten Landschaften“ arbeitet, freilich spart. Ich bekenne mich allerdings zur „Methode Brockes“; ich gestehe gern, daß es mir peinlich wäre, wenn ich eine hübsche, dicke, hitzige Puppe beschrieben hätte, im Heu, die mondige Seite nach oben gekehrt – tja, und dann käme irgendein neidischer Kritiker und wiese mir nach, daß zu der betreffenden Viertelstunde damals der Mond überhaupt nicht geschienen habe.

Wie aber, wenn man unseligerweise auf den Einfall gerät, sein Gedankenspiel in eine Zeit zu verlegen, wo es noch keine Abreißkalender gab? Wo der Pfahlbauer am 21. August 3937 v. Chr. popelnd auf dem Bootssteg sitzt und auf seine künftige Pfahlbäuerin lauert? So stach mich einmal der Teufel, eine meiner Lieblingsepochen, den Spätherbst des Jahres 541 n. Chr., bukolisch abzuschildern: Wieso wußte ich, wie damals die Planeten standen; wie und wo der Mond sich erhob; und wann also Agraule in den labyrinthigen Lagunen des Schwarzmeers, im grau-leuchtenden Kahn, angefahren kommen konnte, die schönste Sünde, die Selene je sah? Die Antwort lautet, jeder Leser wird es nunmehr selbst wissen: es stand im Ahnert.

Oder wenn man einen „Zukunftsroman“ zu verbrechen gedenkt – auch so ein beliebtes Ausweichen in (angeblich) Unkontrollierbares, mit andern Worten meist ein Alibi zitternd schwatzender Feiglinge – dann sei es den Herren hiermit endlich einmal gesagt: wenn von der Zukunft meinethalben noch alles offen sein sollte, die Mondaufgänge sind es nicht, Messieurs! Mir blieb, bei meiner „Gelehrtenrepublik“, auch nur übrig, den Perihelgängen meiner Helden, ob Zentauren, ob Never-Nevers, unter anderem als rechnender Liebhaber-Astronom zu folgen (die Unterlagen davon liegen in meinen Mappen; ich zögere jedoch immer noch, dem Publikum die kostbare Freizeit damit zu stehlen – freilich, wenn die sich doch bloß vorm Fernsehapparat „verliegen“ ...). Ich habe nichts dagegen, wenn man mich einen „präsenilen Postselenen“ schilt – elegante Tadel weiß ich durchaus zu würdigen; ich erlaube mir dafür, den betreffenden „piping Poet“ als „geboren 70-71 in Retrograd“ zu bezeichnen: sind wa kwitt, bong – aber wäre nicht noch ein anderer Standpunkt zu beziehen?

Ich hüte mich zwar prinzipiell davor, meine Träumungen, ja meine Ansichten mit dem Wort „Wahrheit“ zu beschweren; aber mir deucht doch zuweilen, als wären wir Heutigen Zeugen davon, wie sich auf Basis des homo erectus eine neue biologische Spezies bilden zu wollen scheint: der „Genius“, beziehungsweise was ich vorziehen würde, „das Gehirntier“, at whose name all knees shall knock together. Man hat zuweilen den Eindruck, wie wenn es in einer (erfreulichen?) Vervielfältigung begriffen wäre, seit etwa 1789; infolgewessen es eigentlich allwichtig würde, die Verhaltensweisen früherer Gehirntiere bis ins millimetrig-einzelnsre zu studieren; möchten sich doch möglicherweise daraus brauchbare Maximen für uns ergeben können, zur Reglung und Nutzbarmachung der mächtig zunehmenwollenden Gehirntätigkeiten. Das bisher meist übliche, äußerst gefährliche Leben des Genius, auf einer Wippe zwischen Betäubung und Erleuchtung, dürfte sich, millionenfach praktiziert, verhängnisvoll auswirken: Schädel wie Speicher brennender Wortvorräte allein tun es nicht; Diät vielmehr, Ordnung, ja ich wage das (leider militärisch vorbelastete) Wort, eine möglichst weitgehende Disziplinierung, scheint zum überleben unerläßlich. Eine Disziplinierung, wie sie zum Beispiel sorgenfaltigstes Übersetzen aus fremden Sprachen ergibt; oder Urkundenstudium im Großen; oder eben auch eine „mathematische Genauigkeit“ bei der Beobachtung und Materialeinsammlung.

Neugebauer und Schoch sind vergriffen – so viele Namen, so viele „unbekannte Größen“, fürcht’ ich –, und Oppolzer hat Prachtwerke in 4° darüber herausgegeben, die kein normaler Privatmann mehr bezahlen kann, geschweige denn zu gebrauchen versteht. Ich aber empfehle uns arm-Exakten zur Anschaffung den bescheidenen und leicht zu benutzenden 8°-Band des Paul Ahnert, „Astronomisch-chronologische Tafeln“, Leipzig, 1961; zu beziehen durch das Zentralantiquariat der DDR, Leipzig C 1, Talstraße 29; Preis 10,20 Westmark.