W. S., Stuttgart

Die Leute in Bieberehren gehen über Leichen. In Bieberehren, einem kleinen Dorf im bayerischen Kreis Ochsenfurt, muß man das, wenn man den Friedhof im Taubertal besucht. Auf so manchem Friedhof führen die Wege über die Gebeine aus früheren Gräbern hinweg; aber niemanden stört es; niemand kennt die Toten.

In Bieberehren aber sind Gräber eingeebnet worden, die erst in den letzten Jahren belegt worden waren. Ein älteres Ehepaar aus Stuttgart hatte an Allerheiligen noch in Bieberehren das Grab besucht, in dem vor acht Jahren der Vater und vor fünf Jahren die Mutter der Frau beigesetzt worden waren. Bei dem Besuch hörte das Ehepaar zum erstenmal davon, daß der Bieberehrener Friedhof erweitert werden sollte. Der Bürgermeister bestätigte den Besuchern, die Gräber in der unteren Friedhofshälfte müßten eingeebnet werden; aber einen Termin nannte er noch nicht. Das Ehepaar gab zwar für alle Fälle einem Steinmetz den Auftrag, den Grabstein sicherzustellen, glaubte aber, es werde noch schriftlich benachrichtigt werden. Kurz nach Allerheiligen – die auswärtigen Angehörigen, außer dem Stuttgarter Ehepaar, wurden kurzfristig durch Brief benachrichtigt – begann man mit der Einebnung der Gräber im unteren Friedhofsteil. Das Stuttgarter Ehepaar erfuhr, daß die Eltern nun genau unter einem Weg liegen. Wo ihre Toten ruhen, wissen die Angehörigen nur noch ungefähr. In der unteren Friedhofshälfte – die Bereinigung der oberen Hälfte soll, im nächsten Jahr folgen – gibt es keine Gräber mehr, und zwei Wege führen über die Toten hinweg. Eines der Gräber war erst ein Jahr alt.

Die Angehörigen können jedoch neue Gräber richten lassen; der Bürgermeister verlangt je Ersatzgrab 240 Mark. Der Grabstein kann dort wieder gesetzt werden. Nur wird die Aufschrift nicht mehr stimmen; "Hier ruht..." ist dann eine fromme Lüge. Denn unter solchen Ersatzgräbern werden keine Toten sein. Die Toten bleiben, wo sie jetzt sind, anonym in der Erde, unterm Weg.

Auf der Friedhofsordnung, die am Tor angeschlagen ist, wird von den Besuchern verlangt: "Das Betragen muß der Würde des Ortes angemessen sein" und "Es ist untersagt... g) das Betreten der Grabhügel und Anlagen .. Das Strafgesetzbuch stellt die Verunglimpfung des Andenkens Toter und die Störung der Totenruhe unter Strafe.

Bürgermeister Zobel verwahrt sich gegen den Vorwurf der Pietätlosigkeit: "Das geschah doch alles in der besten Absicht... Auch die Friedhofswege sind geweihte Erde, das habe ich den Angehörigen auch gesagt... Umbettungen macht man schon seit fünfzehn bis zwanzig Jahren nicht mehr... Solche Friedhofsbereinigungen wie unsere haben schon in vielen Gemeinden stattgefunden..."