Nasser setzt Kommunisten auf freien Fuß

Als Gamal Abdel Nasser in Ägypten die Macht übernahm, war die Kommunistische Partei des Landes gegen den Coup; in einer Broschüre beschuldigte sie Nasser, er sei ein amerikanischer Agent. Seitdem erging es den Kommunisten in Ägypten schlecht. Erst jetzt wurde ihnen in der neuen Verfassung Meinungs- und Versammlungsfreiheit zugebilligt, 150 Parteimitglieder wurden aus Lagern entlassen.

Die Entlassenen werden freilich ihrer neuen Freiheit nicht recht froh. "Ich bin schon viermal entlassen worden", sagt einer von ihnen. "Vierzehn Jahre habe ich in Gefängnissen und Lagern zugebracht, und wenn ich mich auch freue, wieder bei Weib und Kind zu sein, so fühle ich mich noch nicht völlig frei und werde dieses Gefühl wohl auch nie mehr haben. Auf eine Vorladung der Untersuchungsbehörde, ‚einige Fragen zu beantworten‘, werde ich immer gefaßt sein müssen. In Wirklichkeit heißt das: ein paar Monate oder Jahre Lager."

Während des Zweiten Weltkrieges waren zwei kommunistische Gruppen entstanden. Beide taten sich 1945 zusammen. Ihr Hauptziel war es, die Briten aus dem Lande zu treiben. Die Mitglieder waren fast ausschließlich Intellektuelle und Studenten; ihre Arbeit war im wesentlichen auf Kairo, Alexandra und die großen Provinzstädte beschränkt.

Viele ägyptische Juden waren Kommunisten; während des Palästina-Krieges wurde die Partei deshalb des Pro-Zionismus beschuldigt. Die meisten Kommunisten blieben bis 1949 in Lagern; doch bildete sich eine neue "Ägyptische Kommunistische Partei", der keine Juden mehr angehörten. Nach Nassers Machtantritt widerfuhr ihr freilich Unbill: 100 Parteiführer wurden sofort verurteilt, insgesamt 2000 arrestiert.

Im Juni 1956 wurde das Kriegsrecht aufgehoben, die verhafteten Kommunisten freigelassen. Während der Suezkrise war die KP auf Nassers Seite. Im Januar 1957 unterstützte sie ihn auch in seinem Kampf gegen die Eisenhower-Doktrin und erkaufte sich damit einen Waffenstillstand. Doch schon 1957 kam es zu neuen Verhaftungen. Bis 1960 wurde 500 Kommunisten der Prozeß gemacht; 700 wurden ohne Anklage oder Gerichtsverfahren in Internierungslager gesteckt.

Viele der jüngst Entlassenen nennen sich noch immer Kommunisten, sind jedoch für Zusammenarbeit mit dem gegenwärtigen Regime, von dem sie glauben, daß es nun entschlossen einen sozialistischen Kurs steuere. Andere haben dem Kommunismus abgeschworen und sind ganz und gar zu Nasser-Anhängern geworden. Schließlich gibt es noch eine kleine Gruppe von Unentwegten, die es ablehnt, mit dem Regime zusammenzuarbeiten. Sie wollen Nasser höchstens gegen den Westen unterstützen – aber sonst nicht.