Von Ingrid Neumann

In den ersten Wochen dieses Jahres hat die August Thyssen-Hütte AG, Duisburg-Hamborn, endlich ihr lange und beharrlich angesteuertes Ziel erreicht: Die Hohe Behörde der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl hatte keine Einwände mehr dagegen, daß der Duisburger Montankonzern die Aktienmehrheit der Phoenix-Rheinrohr AG übernimmt. Seit dem 12. Februar gehört Phoenix nunmehr als jüngste, zugleich aber größte Tochtergesellschaft auch offiziell zur Thyssen-Gruppe. An jenem Tage fand nicht nur eines der wichtigsten Kapitel in der Nachkriegsgeschichte der deutschen Schwerindustrie, die sogenannte Re-Entflechtung ihren – erfolgreichen – Abschluß, es schlug zugleich auch die Geburtsstunde für den mit Abstand größten Montankonzern der Bundesrepublik. Die neue August Thyssen-Hütte AG ist mit ihren Töchtern Niederrheinische Hütte AG, Deutsche Edelstahlwerke AG, Handelsunion AG und jetzt auch Phoenix-Rheinrohr AG zum absoluten Spitzenreiter der deutschen Schwerindustrie geworden, der auch den internationalen Vergleich nicht mehr zu scheuen braucht.

Mit einer Rohstahlerzeugung von 6,9 Millionen Tonnen (oder 21,5 Prozent der westdeutschen Produktion) im vergangenen Geschäftsjahr – die Kapazität dürfte bei knapp 8 Millionen liegen – ist die Thyssen-Gruppe der größte Stahlproduzent des Gemeinsamen Marktes geworden, gefolgt von dem italienischen Konzern Finsider mit 5,5 Tonnen Rohstahl. Finsider baut die Kapazität jedoch auf 10 Millionen aus.

Das Walzstahlangebot von Thyssen ist breit gefächert und bietet hervorragende Möglichkeiten, den Marktschwankungen zu begegnen. Die Thyssen-Hütte liegt mit ihrem bedeutenden Flachstahlanteil gut im Rennen; die Ergänzung nach der Edelstahlseite hin hat DEW in den Konzern gebracht, während Niederrhein als größter Walzdrahtproduzent der Bundesrepublik das Thyssen-Programm nach dieser Seite hin erweitert. Mit der neuen Tochter Phoenix schließlich gehört u. a. der größte Halbzeuglieferant der westdeutschen Hüttenwerke und nicht zuletzt der neben Mannesmann bedeutendste Röhrenkonzern zur Familie.

Das Stichwort von der Erhöhung der Krisenfestigkeit des Unternehmens, das als Leitmotiv über dem Konzernneubau gestanden hat, ist nicht aus der Luft gegriffen. Gerade die Entwicklung der letzten beiden Jahre, die für die Stahlindustrie ganz allgemein die schwierigsten seit dem Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg waren, hat gezeigt, wieviel oder wie wenig standfest ein Hüttenwerk sein kann, wenn es nicht in der Lage ist, den Tiefs des Marktes auszuweichen. Die Thyssen-Hütte hat von vornherein den Weg in die Weiterverarbeitung vermieden, der durchaus eins Möglichkeit der Krisensicherung sein kann – wenn auch nicht, wie Beispiele zeigen, sein muß. Gerade darum war die Konzeption der Duisburger Verwaltung, ein umfassendes Walzwerksprogramm mit absoluten Schwerpunkten in den einzelnen Werken zu schaffen, richtig und lebensnotwendig.

Der Weg bis zur Verwirklichung des Konzeptes war dornenreich. Fast fünfeinhalb Jahre hat es gedauert, bis der Zusammenschluß innerhalb des Thyssenbereichs vollzogen werden konnte. Im Oktober 1958 hatte die Thyssen-Hütte den ersten Antrag bei der Hohen Behörde in Luxemburg gestellt. Das Gespenst der Marktbeherrschung geisterte damals durch alle offiziellen, deswegen aber keineswegs immer sachverständigen Diskussionen, und als man dann die Thyssen-Hütte mit einschneidenden Investitionsauflagen an die Kette legen wollte, war der vorläufige Verzicht auf die angestrebte Ehe mit Phoenix die einzig mögliche Konsequenz des Duisburger Konzernchefs Dr. Ing. e. h. Hans-Günther Sohl.

Im Mai 1962 mußte sich die Hohe Behörde erneut mit den Thyssen-Wünschen befassen. Diesmal hatte sich die Gesellschaft durch ein bereits in Angriff genommenes Rieseninvestitionsprogramm gegen etwaige erneute Investitionsauflagen abgesichert. Aber es gab wieder Beanstandungen in der Kartellabteilung der Luxemburger Montanexekutive. Die Lieferbeziehungen der ATH zu den Hüttenwerken Siegerland – die zum Bereich der Dortmund-Hörder Hüttenunion gehören – müssen erheblich eingeschränkt werden. So wurde gefordert./Das war dann schließlich der Preis, der in Duisburg nicht mehr als zu hoch angesehen wurde. Endlich grünes Licht für eine enge Zusammenarbeit aller zur Thyssen-Gruppe gehörenden Unternehmen!