Ein Vorschlag: Einladung an Moskau

Nikita Chruschtschow hat die verblüffende Fähigkeit, jenen Politikern in der Bundesrepublik, die in der Sowjetunion den "Erzfeind" sehen, stets neue Argumente für ihre Thesen zu liefern. Und manche Politiker in diesem Lande wiederum haben die nicht minder verblüffende Fähigkeit, durch mißverständliche Reden und Erklärungen jenes garstige Zerrbild der Bundesrepublik scheinbar zu bestätigen, das Moskau in aller Welt verbreitet.

Wer aber, so fragen wir uns, könnte sich im Ernst die These zu eigen machen, daß in der Bundesrepublik "noch immer der gleiche, in parlamentarische Formen eingehüllte, von Polizei bewachte Militärdespotismus herrscht, über den bereits Karl Marx geschrieben hat"? Wer könnte ernsthaft glauben, die Macht sei in "die Hände der Leute gefallen, die einst Hitler hochgebracht haben und die nun versuchen, die verbrecherische Politik des Reiches fortzusetzen"? Dies die Behauptungen von TASS.

Die Bundesregierung hat derlei Lügen schon in dem Memorandum, das sie im Februar 1962 an die Adresse Moskaus richtete, in überzeugender Weise zurückgewiesen. Sie schrieb damals: "Den letzten Krieg, den das nationalsozialistische Regime verursacht hat und unter dem das sowjetische und das deutsche Volk so schwer zu leiden hatten, werden wir nie vergessen. Nur eine böswillige Propaganda kann behaupten, in der Bundesrepublik Deutschland machte sich Faschismus, Revanchismus und Angriffslust breit; diese Propaganda aber wird nur die Leichtgläubigen und selbst diese nur für kurze Zeit täuschen. Denn auf lange Sicht werden auch sie den Tatsachen mehr Glauben schenken als Verleumdungen."

Es hieße andererseits-der Wirklichkeit ausweichen, wollte man nicht auch erkennen, daß das in Moskau zusammengebraute Gift aus Unterstellungen, Gehässigkeiten und Verleumdungen nicht doch hier und da eingesickert ist, eingesickert ist vor allem in die Seele unserer Nachbarvölker im Osten. Schmähungen zurückzuweisen ist sicher richtig. Aber Zurückweisung allein ist nicht genug. Beleidigtsein ist keine Politik.

Des Kremls Motive

Daß die Sowjetunion seit ein paar Wochen eine intensive Kampagne gegen die Bundesrepublik gestartet hat, darüber besteht wohl kaum eine Frage mehr. Zu offensichtlich häufen sich Worte und Aktionen, die eindeutig darauf abgestellt sind, uns zu verletzen, zu demütigen, verächtlich zu machen. Weniger eindeutig freilich sind die Beweggründe, die die Herren des Kremls zu einem derart offensiven Vorgehen veranlaßt. haben. Welches könnten ihre Motive sein?