In freundlicher Stimmung, wenn auch nicht von brausender Begeisterung begleitet, reiste Chruschtschow durch Ungarn, das er seit fast fünf Jahren nicht besucht hat. Der sowjetische Parteichef fand ein Land vor, das mehr als jedes andere in Osteuropa innerlich gefestigt erscheint. Janos Kadars Grundsatz, daß jeder, der nicht gegen ihn ist, für ihn sei, hat dazu ebenso beigetragen wie mancherlei andere Gesten gegenüber den "Parteilosen".

Ob Chruschtschow dafür, wie mancherlei Gerüchte besagen, seine Truppen aus Ungarn abziehen will, wird man sehen. Kadar hat erst letzte Woche Hoffnungen gedämpft, die in diese Richtung gehen. Der entsprechende Passus verschwand allerdings wieder aus dem später veröffentlichten Text seiner Rede.

Der äußere Anlaß von Chruschtschows Besuch, der 19. Jahrestag der Befreiung Budapests – eine ziemlich ungerade Jubiläumszahl – verdeckt wenig den eigentlichen Zweck: Chruschtschow will sich noch einmal mit einem seiner engsten Verbündeten beraten, ehe er die im Kreml schon vorbereitete große ideologische Gegenoffensive in Richtung Peking startet. Daß die Ungarn gerade erst die Miniaturverschwörung einer chinafreundlichen, stalinistischen Gruppe zerschlagen und deren Kontaktmann, den albanischen Handelsattaché ausgewiesen haben, wird Chruschtschow zu schätzen wissen. Hansjakob Stehle