Der Konflikt zwischen Moskau und Peking bot in der Osterwoche ein verwirrendes Bild. Einerseits belegten die Chinesen Nikita Chruschtschow mit den bisher ärgsten Vorwürfen. Neuester Titel für den Kremlchef: "Der größte Kapitulant der Geschichte." Die Pekinger Parteiorgane stellten ihn in eine Reihe mit zwei deutschen Sozialdemokraten, den bei allen Kommunisten verhaßten "Revisionisten" Eduard Bernstein und Karl Kautsky, und mit Marschall Tito, ja, er sei noch verderblicher. Die Kommunisten aller Welt wurden aufgerufen, Chruschtschow mitsamt seinen Thesen auf den Kehrichthaufen der Geschichte zu werfen.

Andererseits knüpften China und die Sowjetunion neue Verbindungen. Eine Delegation unter dem sowjetischen Vize-Außenhandelsminister Iwan T. Grischin flog nach Peking, um über den Warenaustausch für dieses Jahr zu verhandeln. (Der Handel ist seit Ausbruch des Parteikonflikts um zwei Drittel zurückgegangen.) Gleichzeitig wurde ein neues gemeinsames Kulturabkommen bekanntgegeben. Beide Länder wollen Soldatenchöre und Tanzgruppen, Lehrer und Wissenschaftler austauschen, vielleicht aber nur, wie die "New York Herald Tribune" argwöhnte, "um ihren ideologischen Krieg auch mit Tanz und Gesang fortzusetzen".

Ungeachtet dieser staatlichen Kontakte treiben die Chinesen den ideologischen Streit auf die Spitze. So benützten sie die afro-asiatische Solidaritätskonferenz in Algier als Tribüne für ihren Kampf gegen die "Reaktionäre" in Moskau. Frau Kuo Tschen, angriffslustige Leiterin der Delegation, verglich die Sowjets mit den Imperialisten aus England und Amerika, vermied es aber, die Franzosen zu erwähnen. Eine andere Chinesin, Frau Hau Yu Tung, entfachte mit antisowjetischen Tiraden einen Tumult auf einem internationalen Juristenkongreß in Budapest,

Schon ist zu hören, Peking wolle eine Vierte Internationale gründen. Chruschtschow muß sich bald etwas einfallen lassen, wie er auf die anhaltenden Attacken reagieren soll. In dieser Woche suchte er in Budapest Rat beim ungarischen KP-Chef Kadar, neben Gomulka einer der treuesten Anhänger des Moskauer Kurses.

Aber nicht allein der Zwist mit Peking, auch die "Aufweichungen" im eigenen Lager dürften den Kremlherrn bekümmern. Wenige Tage vor seiner Ankunft in Ungarn ließ, nach siebenjährigem Schweigen, Professor Georg Lukacs, der 78jährige ungarische Philosoph, seine Stimme wieder vernehmen. Lukacs, 1956 Minister in der ungarischen Revolutionsregierung und später zeitweise nach Rumänien verbannt, wagte es – in einem Interview für die tschechoslowakische Zeitschrift "Literarni Noviny" –, den Stalinismus schärfer anzuklagen, als Chruschtschow es je getan.

Infolge des Stalinismus habe der Kommunismus fünfzig Jahre kapitalistischer Entwicklung verpaßt, sagte der Philosoph. "Deshalb ist es nur logisch, daß heute, wo die Fenster geöffnet sind, die Jugend alles verschlingt, was aus dem Westen kommt. Man muß der Jugend die Zügel schießen lassen, damit sie sich selbst suchen kann."

Bedeutend ist diese Erklärung um so mehr, als sie der angesehene Parteitheoretiker von Budapest ausgehen ließ, wo er seit seiner Rückkehr 1957 zurückgezogen in der – beziehungsreich genug – Belgrader Straße lebt. Er habe diesen Zeitpunkt bewußt gewählt, sagte Lukacs einem "Newsweek"-Reporter. "Ich fühlte, dieser Moment, mit allem Wandel rings um uns, war eine gute Zeit für einige Bemerkungen über die Philosophie, die dahinter steckt." Niemand verbot ihm den Mund, obschon er mit seinen gewagten Thesen Chruschtschows Stand gegenüber den stalinfrommen Chinesen eher erschwert als erleichtert.