Ratlos hielt Sowjetschriftsteller Wladimir Solukhin eine Salatschüssel in den Händen. Auf einer Party bei Freunden hatte man sie ihm zum Weiterreichen gegeben. Aber die ihm unbekannte Dame an seiner Seite, vertieft in ein Gespräch mit einem anderen Gast, wandte ihm den schönen Rücken zu. Was tun? Ihr in die Rippen knuffen? Nein, das tut ein Herr nicht. Aber wie sollte er sie anreden? "Towaritsch" (Genosse)? Das klang zu sehr nach Parteirussisch. "Graschdanka" (Bürgerin)? Zu steif. "Dewuschka" (Mädchen)? Vielleicht war sie Mutter von zwölf Kindern? "Gosposcha" (Frau)? Ging nicht ohne den Nachnamen.

Es ist nicht bekannt, ob Solukhin nach Art der bolschewistischen Revolutionäre einfach die Schüssel auf den Boden schmetterte. Bekannt wurde jedoch sein Artikel im "Nedelja", der Sonntagsbeilage der "Iswestija", mit dem er dem Sowjetvolk sein Leid klagte. Sollte man nicht, so fragte er vorsichtig, in solchen Fällen die Anredeformen aus der Zarenzeit wieder verwenden – "Sudar" (Herr) und "Sudarinja" (Madame)? Die meisten Leser stimten ihm zu: 47 Jahre nach der Oktober-Revolution sei eine (sprachliche) Verbürgerlichung unvermeidlich.

Einen Grund für diesen "Rückfall" mag man in den beiden Anstandsbüchern suchen, die zur Zeit von der Kulturabteilung der Partei den sowjetischen Männern empfohlen werden. Darin stehen zum Beispiel folgende Tischregeln:

"Spuck keine Knochen auf den Tisch!" "Laß nicht irgendwelche Verdauungsschwierigkeiten erkennen!"

"Hast Du Deinen Zahnstocher zu Haus gelassen, nimm nicht die Gabel oder die Finger!"

"Putz Deine Nase nicht zu laut!" Solche Ermahnungen lösten jedoch nicht das Problem mit der Salatschüssel. Ein Russe meinte privatim, Solukhin hätte sich doch des alten Sprichworts aus der Zarenzeit entsinnen sollen, daß man die Frau prügeln soll, wenn sie immerzu schwätzt.