Washington, im April

Als Pierre Salinger der bisherige Pressesekretär des Weißen Hauses, nicht ganz unerwartet, aber doch recht unvermittelt seinen Posten aufgab und seine Kandidatur für einen in Kalifornien freiwerdenden Sitz im amerikanischen Senat verkündete, entrang sich der Brust eines in Washington tätigen ausländischen Korrespondenten der Stoßseufzer: "Wohin werde ich bloß seinen Nachfolger einmal zum Lunch einladen können?" Die Frage war durchaus berechtigt, denn der neue Pressesekretär des Präsidenten, George Edward Reedy, ist zwar wie Salinger ein Freund der guten Küche und ein ausgezeichneter Weinkenner, kann aber kulinarischen Tugenden und Lastern nicht mehr frönen: sein Gewicht ist nach und nach auf zweieinhalb Zentner hinaufgeklettert, was die Ärzte und seinen langjährigen Vorgesetzten Lyndon B. Johnson veranlaßte, ihm strenge Diät anzuraten.

Reedy hat diese Empfehlungen befolgt und begnügt sich nach einer wenig erfolgreichen Abmagerungskur mit täglich tausend Kalorien Nahrungszufuhr; sie läßt keinen Platz für den beliebten Shrimp Cocktail, ein saftiges Steak oder einen zart gedünsteten Virginia-Schinken. Wer Reedy zum vertraulichen Gespräch beim Essen in einem der spärlich gesäten Washingtoner Feinschmeckerlokale an seiner Seite haben will, muß sich daher auf ein Menü "bei Wasser und Brot" umstellen; sein Gast kann einer reichhaltigeren Speisekarte keine Ehre antun.

Das ist aber wohl auch der einzige Mangel an Umgänglichkeit, den die Natur dem neuen Pressesekretär auferlegt hat, und das einzige Gesprächsthema, das ihn vergällt, wenn einer der ständigen White House Correspondents es anzüglich anschneidet. Denn Reedy, ein Hüne von 1,90 Meter – mit dichten, buschigen weißen Haaren, die seinen 46 Jahren spotten, mit der dazu kontrastierenden schwarzrandigen Brille, die ihm das Aussehen eines Arztes gibt, der stets besinnlich die Pfeife schmaucht, wie Salinger unentwegt die Zigarre paffte – beherrscht als ehemaliger Journalist den Umgang mit der "Meute" so gut wie sein Vorgänger.

Das liegt ihm sozusagen im Blut; schon der Vater war Zeitungsmann, Kriminalberichterstatter in Chikago zu Zeiten des seligen Al Capone, in der romantischen Periode des amerikanischen Gangsterwesens. In East-Chikago im Staate Indiana wurde George Reedy am 5. August 1917 geboren, an der Universität von Chikago erwarb er nach dem Studium der Soziologie den Bachelor of Art, den niedrigsten akademischen Grad nach mindestens drei Jahren Vorlesungen. Er ist einer der wenigen Nicht-Texaner in der persönlichen Umgebung Präsident Johnsons, die den bisherigen Stab im Weißen Haus nach dem Weggang Arthur Schlesingers, Theodore Sorensens und Pierre Salingers nach und nach zu ersetzen beginnt, und er gilt in den Augen seiner amerikanischen Berufskollegen als ein Mann mit intellektuellem Anstrich.

Aber wie fast alle Mitarbeiter ist Reedy in erster Linie ein Praktiker und, wie der Präsident, vor allem ein Kenner der amerikanischen Innenpolitik. Er begann seine journalistische Laufbahn als Berichterstatter des "Philadelphia Inquirer" und war später, nach einer vier Jahre langen Unterbrechung durch den Militärdienst als Hauptmann der Abwehr bei den Heeres-Luftstreitkräften auf Guam, Saipan und Iwo Jima, als Korrespondent der Nachrichtenagentur "United Press" im Kongreß tätig. Dort wechselte er schließlich zu dem Senats-Unterausschuß über, der die amerikanischen Streitkräfte überwacht. Das geschah 1951; als Reedy damals gefragt wurde, warum er das Zeitungsfach verlasse und sich einem Politiker anschließe, antwortete er: "Weil Lyndon Johnson ein großer Mann ist und einmal Präsident der USA werden wird."

In den letzten dreizehn Jahren ist er nicht mehr von Johnsons Seite gewichen. Er wurde Direktor des politischen Ausschusses der Demokraten im Senat, als dieser zum Mehrheitsführer aufstieg, er befand sich in Johnsons Stab, nachdem er zum US-Vizepräsidenten gewählt wurde. Ein Zug von extremer, fast introvertierter Anhänglichkeit an seine Umgebung kennzeichnet Reedy, sei es im Beruf, in seinen Freundschaften oder in seinem Privatleben. Seine Frau Lillian stammt wie er aus dem Pressefach; sie arbeitete für die Konkurrenz, den "International News Service". (Der sich vor einigen Jahren mit Reedys früherem Arbeitgeber "United Press" zur jetzigen "United Press International" verschmolz.)