Von I. Haase

Es war einmal ein Mann, dem fiel auf, daß in Deutschland besonders viele schwarze Herrenhosen getragen wurden. Nicht nur Eintänzer, Kellner und Abendausflügler sahen unten herum schwarz aus – nein, auch die Bahn- und Postbeamten, die Konfirmanden, die Hochzeiter und Pfarrer, Minister und Konferenzteilnehmer: sie alle gehörten zur Gilde der "Schwarzbehosten"

Es war zu Beginn der dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts, als Alfons Müller, geboren im 21. Mai 1911 in Mönchengladbach – inzwischen bekannt geworden als Preisbrecher und verhafteter Flugzeugabstürzer – diese Beobachtung machte. Flugs zog er die ihm einzig richtig erscheinende Konsequenz: er gründete in Gladbach einen kleinen Produktionsbetrieb und stellte ausschließlich schwarze Herrenhosen her. So kam es, daß schon in der Vorkriegszeit die Geburtsstunde jenes Rationalisierungsprinzips schlug, dem Alfons Müller bis heute treu geblieben ist.

Unmittelbar nach dem Kriege faßte "Hosenmüller" in jenem rheinisch-bergischen Städtchen Fuß, das seinen Namen rein optisch aufwertete und repräsentativer gestaltete: in Wipperfürth. Hier mietete er ein Gebäude, stellte ein paar ausgelagert gewesene Nähmaschinen auf, holte einige vor den Bomben gerettete Stoffballen hervor und eröffnete eine Näherei, in der Herren- und Knabenanzüge geschneidert wurden. Innerhalb der nächsten drei – vorwährungsreformatorischen – Jahre brachte er es immerhin auf eine Tagesproduktion von 1000 Anzügen.

Gleich nach der Währungsreform begann Alfons Müller mit dem Bau seines Wipperfürther Stammbetriebes – der erste, entscheidende Schritt zu dem umfangreichen, mehrstufigen Textilkonzern, den er heute sein eigen nennt. Weitgehend autark, unabhängig von Zulieferern und Händlern, um rationell arbeiten zu können und Umsatzsteuern zu sparen.

Steuerersparnis war auch der Grund, aus der Einzelfirma mehrere Gesellschaften mit beschränkten Haftung und aus den GmbHs später eine Aktiengesellschaft zu machen, die der Grundstock eines kunstvoll gebundenen Konzernbuketts von Aktiengesellschaften wurde. Streit um die Steuern war es auch, der den Konzernherrn jetzt in Untersuchungshaft gebracht hat.

Inzwischen hat Alfons Müller das Wipperfürther Stammhaus zur zentralen Zuschneiderei gemacht. Für sämtliche Werke werden hier die Stoffe zugeschnitten. Als fertig verarbeitete Anzüge kommen sie zurück.