Ulbrichts neue Wirtschaftspolitik: die Entdeckung der Rentabilität

Von Marion Gräfin Dönhoff

Haben Sie Konserven oder Druckerzeugnisse bei sich?" fragte der Volkspolizist, als wir den Schlagbaum in der Heinrich-Heine-Straße passierten, der Westberlin von Ostberlin trennt. Nein, wir hatten nichts Gedrucktes mit; und auch keine Konservendosen, überhaupt keine Nahrungsmittel, was sich auch als richtige Disposition erwies, denn solcher Art Geschenke sind heute im normalen Haushalt nicht mehr gefragt. Zu essen gibt es genug in der DDR.

Die zurückgelassenen "Druckerzeugnisse" sollten wir dagegen in den nächsten Tagen und Wochen arg vermissen. Das Bild der Welt, das östliche Zeitungen vermitteln, ist ganz lückenhaft und einseitig. Man erfährt, daß bei den Kommunalwahlen in Frankreich die Kommunisten ihre Sitze fast verdoppeln konnten, aber wer sonst noch wie viele Plätze errang, das bleibt im dunkeln. Man liest, der Parteitag der CDU habe in fürchterlichster Weise den Militarismus, Nazismus und Revisionismus der Bonner Regierung enthüllt, aber den Text der Reden bekommt man nicht zu Gesicht – und kann sich also kein eigenes Bild machen.

Häufig sind selbst in der führenden überregionalen Presse die Leitartikel der Frühjahrsbestellung gewidmet. Tagtäglich werden auf der ersten Seite des Neuen Deutschland Debatten darüber abgehalten, ob man trotz Frost schon mit der Aussaat beginnen soll oder nicht, und wenn ja, ob man "schleppen", "tellern" oder pflügen soll... Diskussionen, die nach unseren Gepflogenheiten in die landwirtschaftliche Fachpresse gehören.

So gesehen, wird in der Tat deutlich, daß man sich in einem Arbeiter- "und Bauern"-Staat befindet. "Bei euch ist der Bauer ja nur das Aschenputtel im Staat, ein Mensch zweiter Klasse, der in Zeitungen, Funk und Fernsehen als rückständiger Dummkopf dargestellt wird", meinte das selbstbewußte Mitglied einer LPG, einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, die wir besuchten.

An jener Schranke, die Berlin in zwei ungleiche Hälften teilt, erwarteten uns ein Wagen des Forum und ein Mitarbeiter dieser Zeitschrift, die der "Freien Deutschen Jugend" gehört. Unser Begleiter, Dr. Kurt Ottersberg, 36 Jahre alt, ist hauptamtlich Dozent der Humboldt-Universität. Er ist mehrfach in der Bundesrepublik gewesen und ertrug unsere, dem kommunistischen Gläubigen, ganz ungewohnte, frivole Ironie mit großer Fassung. Man stellt sich nicht in Frage drüben und man spottet nicht, dazu sind die Zeiten zu ernst und die Aufgaben zu groß ...