Von Alex Natan

Unter dem Symbol der fünf vereinigten Ringe der Olympischen Spiele ließen Trompeten Fanfarenklänge erschallen. Eine neue Siegerehrung stand bevor. Aber das Podest für die Sieger und Plazierten blieb leer. Ein Mitglied des IOK hatte sich erhoben, um die Medaillen zu verteilen; die Blaskapelle steht bereit, die Nationalhymne anzustimmen. Da steigt eine schwarze Fahne am Siegesmast empor. Protest ist eingelegt worden! Dann berichtet der Lautsprecher, daß ein Einspruch gegen die drei Erstplazierten erhoben worden sei, die sich jetzt in einem Laboratorium einer Doping-Untersuchung unterziehen müssen.

Der Londoner "Sunday Telegraph" hält diese Szene nicht nur für möglich, sondern auch in Zukunft für wahrscheinlich. Die Zeitung nimmt auf den wissenschaftlichen Bericht Bezug, den der italienische Fußball-Verband vor wenigen Jahren hat zusammenstellen lassen und der damals festgestellt hatte, daß 22 Prozent aller italienischen Spitzenspieler Benzedrin-Präparate genommen hätten. Daraufhin hatte der Verband seine Bestimmungen verschärft und sich das Recht vorbehalten, Speichel- und Urinproben von seinen ihm angeschlossenen Spielern zu verlangen, wenn genügend Verdacht eines Dopings vorläge.

Seit dem Tode des dänischen Radlers Knud Jensen in Rom 1960 sind immer wieder Berichte in die Presse gelangt, die von der Anwendung von Dopingmitteln in bestimmten Ländern oder in bestimmten Sportzweigen zu berichten glauben, ohne jedoch schlüssigen Beweis liefern zu können. Jede Nachforschung auf diesem Gebiet ähnelt einer Untersuchung einer angeblichen Steuerhinterziehung. Es ist allgemein bekannt, daß ein solcher Usus ziemlich allgemein und international verbreitet sein soll. Kommt es aber zum Nachweis in ganz bestimmten Fällen, dann sind nur selten Menschen dazu bereit oder in der Lage, da sie sich leicht Beleidigungsklagen aussetzen könnten.

Kurz vor Beginn der Olympischen Winterspiele hat Sir Adolphe Abrahams, der Vorsitzende der britischen Vereinigung für Sportmedizin, kategorisch erklärt, daß es im englischen Sport kein Doping-Problem gäbe und daß "daher nicht der geringste Anlaß zu irgendeinem Vorgehen bestehe". Im Gegensatz zu dieser optimistischen Erklärung steht die Ansicht von Dr. John Williams, der englischer Vertreter im Doping-Ausschuß des Europarates ist. Er hatte vor Weihnachten auf einer Pressekonferenz in Spanien erklärt, daß Doping im englischen Fußball nicht unbekannt sei. Später informierte er die "Football Association", daß "ihm eine qualitativ bedeutsame Anzahl von Spielern mitgeteilt hätte, daß sie Doping-Mittel nehmen". Dr. Williams versteht unter "Doping" jene Definition, die der Europarat inzwischen angenommen hat, die sich freilich etwas vage liest, aber doch ziemlich deutlich ausgelegt werden kann. Die "Football Association" antwortete, daß es tatsächlich Doping gäbe, wenn man diese Definition akzeptieren würde. Sie wäre aber unannehmbar, da sie die Verwendung von Sauerstoff, Glukose und Koffein-Tabletten einschließe.

Dr. Williams hat sich jedoch mit dieser Erklärung nicht zufriedengegeben. Er hat dem "Sunday Telegraph" genügend Beweise gegeben, daß in England jedermann in eine Apotheke oder Drogerie gehen könne, um sich gewisse Koffeinpräparate oder Dynamogene (Mittel, die die Muskeltätigkeit beeinflussen) zu besorgen, die obendrein noch mit dem Hinweis "von berühmten Sportsleuten verwandt" angepriesen würden. Für den Arzt geht es natürlich um die Definition des Dopings. Wie die Dinge jetzt liegen, würde jeder Sportjurist leicht eine passende Lücke in den Bestimmungen finden. Dr. Williams verwies dann auf die drakonischen Maßnahmen der italienischen Behörden, die erreicht hätten, daß die Verwendung von Doping im italienischen Ligafußball in drei Jahren von 30 Prozent auf 1 Prozent gefallen wäre. Dr. Williams sieht die Schwierigkeiten drastischen Vorgehens ein. Einem diabetischen Sportsmann muß man gewisse Mittel zugestehen, die für gesunde Menschen ein Doping vorstellen müßten. Wer Tee trinkt und Nichtraucher ist, hat kein Recht auf Einnahme von Koffein und Nikotin vor Wettkämpfen. Gegen diese drastische Auslegung hat sich der Leibarzt der Königin, der ehemalige Sprinter und heutiges Mitglied des IOK, Sir Arthur Porritt, ausgesprochen, der der Ansicht ist, daß eine derartig wasserdichte Definition niemals internationale Annahme finden würde. Der Arzt der englischen Fußball-Ländermannschaften hat sich auch gegen Dr. Williams gestellt, weil er keine sportliche Hexenjagd à la McCarthy sehen möchte. Er glaubt vielmehr, daß man den Feldzug gegen das Doping durch Aufklärung gewinnen könne, indem man den ärztlichen Nachweis erbringen müsse, daß Doping eben nicht die Leistung steigere. Im Gegensatz dazu könnten z. B. die Versuche von Smith und Beecher in Amerika stehen, die glaubten, den Nachweis geliefert zu haben, wie stark gewisse Drogen die sportliche Leistung verbessern können.

Dr. Blonstein, Arzt des englischen Boxverbandes, aktiver Sportsmann und Schiedsrichter in Wimbledon, hat im "Sunday Telegraph" wörtlich erklärt: "Natürlich existiert Doping. Sie dürfen mich zitieren. Mich schert das nicht. Ich habe Patienten gehabt, die durch die Einnahme von Drogen süchtig geworden sind, die sie als Athleten zu nehmen begonnen hatten." Eine Reihe von englischen Sportskanonen hat heftigst protestiert, da keinerlei Fälle von Doping bekannt geworden seien. Nur der ehemalige Radweltmeister Reg. Harris hat zynisch erklärt: "Natürlich habe ich gedopt. Ich mußte doch..., um mich zu überzeugen, daß es nicht wirkt!"