Es wäre gut, wenn Dieter Meichsner wieder ein Buch schreiben würde. Seine Romane, die Werwolf-Studie und das Studenten-Epos, bei Rowohlt vor vielen Jahren unter Mareks Ägide erschienen, verrieten Talent und sicheren Blick.

Kein Zweifel also, daß der neue Film eines Autors, der auch im Hör- und Fernsehspiel seine Begabung immer wieder bewies, anders als die Etüde eines Novizen bewertet sein will. Es ist Strenge am Platz ... und dieser Strenge hält das ehrenwerte Dramolett (sein Titel ist Nach Ladenschluß) nicht stand.

Wie Christian Geissler, eine Woche zuvor, wollte auch Meichsner eine einfache Story erzählen, die Geschichte der Schallplattenverkäuferin Lisa, die, mit dem wackeren Rolf Gutsche so gut wie verlobt, eines Tages dem männlich-schönen Horst Radack begegnet, einem Playboy-Ingenieur von echtem Schrot und Korn. Die große Liebe erwacht, und in einem Traum-Appartement verblaßt das verlassene Kleinbürger-Reich. Blumenkästen und Volksempfänger, der ernste, examensschwangere Freund und die redlich plättende Mutter, der Achtstundentag hinter der Schallplatten-Bar und die müffelnden Coca-Cola-Gespräche mit dem Studenten ... alles vergessen.

Es lockt der Duft der großen weiten Welt, denn Radack hat nicht nur einen offenen Wagen, sondern auch einen düsteren Sinn und eine zynische Suada. Seine Freunde, Designer, Architekten und Photographen, gehören der neuen Society an: auf nächtlichen Partys entwirft man, umringt vom Film-und-Frau-Mobiliar, die kühnsten Projekte. Radack war in Indien – aber das hindert den Teufelskerl nicht, seine Heimat zu lieben (warum denkt ihr nur alle, daß ich gleich wieder weggehen will?); zwischen zwei Lungenzügen kommen ihm phantastische Ideen; nackend zum Hörer greifend, erst die Liebe, dann das Geschäft, steigert er lässig, Brahmaputra und Basel, die Angebote konkurrierender Firmen ... kein Wunder also, daß die Plattenverkäuferin sich schließlich vergißt und, statt vom Bürger-Glück zu träumen, über Identitäts-Probleme philosophiert.

Während Bräutigam und Mutter in der traulichen Wohnküche hocken, wirbelt die treulose Diskothekarin, plötzlich nur noch bis zum Brustansatz sichtbar, durch die Wohnung ihres Verführers ... und ahnt noch nicht das bittere Ende. Radack, der behaarte Weltmann, macht sich unversehens aus dem Staub, das Appartement steht leer, eine Putzfrau waltet des Amtes. Am Schluß ist man am gleichen Punkt wie zu Beginn des Films; statt Tee und Cola bestellt das Brautpaar ein Eis, sonst scheint alles beim alten.

Was als Dokumentation und Reportage begann, der Fünf-Uhr-Ladenschluß, die Nichtigkeit, der kleine Flirt, wurde zu einer kitschigen Traumwelt-Etüde. Opas Kino feierte wahre Triumphe; man sah die Magazin-Boheme und glaubte bisweilen, der Verfilmung eines Hör-zu-Romans beizuwohnen. Die Dialoge waren entsprechend: "Als ich jung war, da war mir oft auch die Haut zu eng, Rolf"; die Schnitte (Kirschkompott und Nudität) strotzen von Komik.

Für Stilisten war das Ganze ein Gang ins Inferno. Momos