Washington, Anfang April

Nur zwei oder drei Senatoren lauschten gedankenverloren im Plenum, als ihr Kollege Fulbright, der Vorsitzende des Senatsausschusses für auswärtige Beziehungen, am Mittwoch vergangener Woche zu einer gründlich präparierten Rede von einer Stunde Dauer das Wort nahm. Aber der Text lag vervielfältigt schon bereit; wer ihn las, der erkannte sofort, daß der professoral wirkende, bedächtig argumentierende Senator nach zwei Richtungen einen Großangriff der Kritik an den "überholten Mythen" der amerikanischen Außenpolitik eröffnet hatte. An ihre Stelle, so forderte Fulbright, müsse die Einsicht in die "neuen Realitäten" treten.

Zum einen zielte der Stoß Fulbrights gegen die bramarbasierende konservative Rechte, die sich um den republikanischen Präsidentschafts-Aspiranten Barry Goldwater gesammelt hat und mit der Methode des "Schießens aus der Hüfte" der Weltprobleme Herr zu werden gedenkt – mit einem militärischen Unternehmen gegen den unbequemen Störenfried Fidel Castro, dem Abbruch der Beziehungen zur Sowjetunion, wenn sie den kalten Krieg nicht auf der Stelle beende, der Bombardierung Hanois bei einer Fortsetzung des Aufstandskrieges in Südvietnam und dergleichen Kraftakten, von denen jeder einzelne genügen könnte, den zerbröckelnden kommunistischen Block wieder zusammenzuschmieden und den mühsam angebahnten Ausgleich zwischen Ost und West zunichtezumachen.

Zum anderen aber zog Fulbright gegen die derzeitige Administration seines Parteifreundes, des Präsidenten Johnson, zu Felde. Wo der Senator das Gebiet der theoretischen Erörterungen über den Anbruch eines neuen Verhältnisses zwischen den Weltmächten verließ, wo er gegenständlich auf die aktuellen Probleme der amerikanischen Außenpolitik einging, wo er von Panama, von China und von Kuba sprach, da hatte er jedenfalls Johnson direkt im Visier.

Der Präsident setzt ja die Wirtschaftsblockade gegen Kuba fort, die Fulbright als völlig fehlgeschlagen betrachtet. Auch war das Weiße Haus an dem Rücktritt des früheren Leiters der Fernostabteilung im State Department, Roger Hilsman, auffällig interessiert, der in einer mutigen Rede Ende Dezember von der Politik der Offenen Tür für das kommunistische China sprach. Johnson ist es auch, der die Bereinigung des Konfliktes mit Panama aufhält, indem er sich weigert, von vornherein die Revision des Kanalzonen-Vertrages (ein kolonialistisches Relikt auf der sonst blütenweiß antikolonialistischen Weste der USA) in die Verhandlungen einzubeziehen. Fulbright sprach Johnson ganz unverblümt auf Panama an, als er sagte: "Ich glaube, dies ist für die USA notwendig, wenn auch eine Verpflichtung zur Revision des Vertrages im Inneren auf ausgedehnte Kritik stoßen kann. Der Präsident und seine Berater tragen die Verantwortung, in solchen Situationen nach ihrem besten Gewissen zu befinden, wo das nationale Interesse liegt, auch wenn das zu unpopulären Entscheidungen führt."

Fulbrights Attacke gegen die Selbstgefälligkeit im außenpolitischen Denken der USA, seine Feststellungen über die Einsicht in Moskau und in Washington, daß es im nuklearen Zeitalter keinen totalen Sieg über den Gegner mehr gebe, seine Bewertung des Polyzentrismus im kommunistischen Herrschaftsbereich und die an seine Landsleute gerichtete Aufforderung, die Welt in empirischen statt in moralischen Kategorien zu betrachten – sie sind nicht neu und nur eine Wiederholung der von John F. Kennedy formulierten Gedanken. Man wird sich daher hüten müssen, die Betrachtungen des Senators als epochemachend zu vergrößern oder sie gar als Anzeichen für einen grundlegenden Wandel in der amerikanischen Außenpolitik anzusehen. Dieser Wandel ist von Kennedy eingeleitet worden; Fulbright verlangt von Johnson bloß, daß Kennedys Politik fortgesetzt und nicht gegen ein Weiterwursteln von Fall zu Fall eingetauscht wird.

Der Senator weiß, wie gering sein Einfluß auf die Administration und in der Demokratischen Partei ist. Wo er gegen den republikanischen Konservativismus vorstößt, rennt er gleichsam offene Türen ein; wo er aber Johnson herausfordert, da belebt er die außenpolitische Debatte in der eigenen Partei wieder, die nach Kennedys Tod einzuschlafen drohte.