Von Kai Hermann

Eine Landstraße zwischen Mainz und Frankfurt. Leere Felder links und rechts. Und auf dem Asphalt ein Menschenzug, fast einen Kilometer lang. Neunhundert Menschen marschieren seit acht Stunden. Es regnet. Sie stemmen Transparente gegen den eiskalten Wind. Niemand, der die Transparente lesen könnte, denn ihre Träger sind allein auf der Straße. Sie ziehen über eine Brücke, eine endlose Menschenschlange.

Es ist ein phantastischer Zug, er erinnert an eine mittelalterliche Flagellantenprozession gegen die Pest in einem Bergman-Film. Aber die Menschen, die an diesem Ostersonnabend 1964 von Mainz nach Frankfurt marschieren und die fast 50 000 anderen, die anderwärts über die Straßen des Bundesgebietes ziehen, tragen keine Kreuze, sondern Parolen: "Gegen Atomwaffen in Ost und West" – "Unser Nein zur Bombe ist ein Ja zur Demokratie" – "Freundschaft mit Frankreich, aber ohne Bombe."

Sie machen freundliche Gesichter, obgleich sie bis auf die Haut durchnäßt sind. Sie singen Lieder nach den Melodien von Spirituals. "Gott hat die Bombe nicht gemacht – er will nicht, daß die Welt einkracht. – Atombomben zu Gottes Ruhm – Was ist das für ein Christentum!"

Diese Leute sehen nicht aus wie fanatische, weltfremde Sektierer, die meisten sind jung. Sie haben äußerlich wenig gemein mit den bärtigen, klampfespielenden Beatniks, die das Bild der englischen Ostermärsche bestimmen. Im Zug werden mehr Kofferradios als Gitarren mitgetragen, und die Träger sind wie brave Sonntagsausflügler gekleidet. Sie inszenieren keine Sitzstreiks und stören keine Verteidigungsanlagen. Artig trotten sie Stunde um Stunde hinter einem Polizeiwagen drein. Gegen die Anweisungen der Uniformierten gibt es keinen Widerspruch.

Zum sogenannten "hit" des diesjährigen Ostermarsches wurde der Song "Die Polizei marschiert an unserer Seite". Und nach der Melodie When the Saints" singen sie: "Der Polizei ein Osterei – die Polizei ist auch dabei – die Polizei, dein Freund und Helfer – sie ist auch dieses Jahr dabei."

Das Phänomen Ostermarsch beschäftigt die Soziologen. In der Bundesrepublik zog Ostern 1960 der Hamburger Lehrer Tempel zum erstenmal mit einigen Gesinnungsfreunden auf die Straße, um für die atomare Abrüstung zu demonstrieren.