Was die Differenzierung im Ostblock für uns bedeutet

Von George F. Kennan

George F. Kennan ist einer der eigenwilligsten politischen Denker unserer Zeit. Lange Jahre leitete er den Planungsstab des US-Außenministeriums, dann war er Botschafter in Moskau und Belgrad. Mit seinen Büchern über sowjetische Geschichte hat sich Kennan, der jetzt wieder am Institute for Advanced Studies in Princeton wirkt, in den vordersten Rang der zeitgenössischen Historiker geschrieben. Den folgenden Aufsatz entnehmen wir der letzten Ausgabe der Zeitschrift "Foreign Affairs".

Wenn heute in den westlichen Ländern über die Beziehungen zum Weltkommunismus gesprochen wird, kreist die Diskussion immer wieder um die Auflösung jener gewaltigen Machtkonzentration in Moskau, die für den kommunistischen Block in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg charakteristisch war, und um das Aufkommen einer Vielzahl von unabhängigen oder teilweise unabhängigen Zentren politischer Aktivität innerhalb des Blocks. Sie kreist – mit anderen Worten – um das Entstehen des "Polyzentrismus". Es wird weithin anerkannt, daß dieser Vorgang eine grundlegende Änderung in der Natur des Weltkommunismus darstellt. Und im Westen ist man sich bewußt, daß eine Veränderung dieser Größenordnung nicht ohne bedeutende Konsequenzen für die eigene Politik bleiben kann. Aber über die Frage, welches diese Konsequenzen sind, herrscht noch viel Unsicherheit und Verwirrung.

Wie kam es zu diesem Polyzentrismus? Es genügt, daran zu erinnern, daß er seinen Ursprung in zwei bedeutenden Ereignissen des Jahres 1948 nahm: in dem Abfall der Jugoslawen und in der Machtergreifung der Kommunisten in China. Die Einheit. des Blocks ist nach dem jugoslawischen Abfall niemals wieder ganz hergestellt worden. Da die jugoslawische kommunistische Partei an der Macht blieb und Jugoslawien nicht in das kapitalistische Lager überging, sondern in gleicher Weise wie bisher weitermachte, behauptete, ein kommunistischer Staat zu sein, aber nicht die Disziplin des Blocks oder irgendwelche politischen Verpflichtungen ihm gegenüber anerkannte – da war dies wahrhaft beunruhigend für diejenigen, die "treu" geblieben waren. Denn es wurde die erschreckende Frage aufgeworfen, ob monolithische Einheit und Disziplin für die Entwicklung des marxistischen Sozialismus überhaupt wesentlich seien.

Vorbild Tito

Solange Stalin am Leben war, konnten die Auswirkungen des jugoslawischen Abfalls von der Moskauer Zentrale einigermaßen eingedämmt werden. Nach seinem Tod erwies sich dies jedoch als nicht länger möglich. Die Entstalinisierungskampagne Mitte der fünfziger Jahre enthielt zumindest eine teilweise Rechtfertigung von Titos früherer Auflehnung gegen Stalins Autorität. Es war unter diesen Umständen peinlich, die Jugoslawen völlig außerhalb des Lagers zu lassen, und Chruschtschow empfand es als notwendig, den Versuch zu machen, sie wieder zurückzuholen – was nur auf gütlichem Wege geschehen konnte. Da dies jedoch mindestens den Willen voraussetzte, die jugoslawische Auflehnung gegen die Disziplin des Blocks zu vergeben, wirkte es auf die anderen Satelliten verwirrend – besonders auf die Polen und Ungarn – und trug wesentlich zu den Ereignissen des Jahres 1956 in diesen beiden Ländern bei.