R. H., Hamburg

Illegal so viel wie nötig und legal so viel wie möglich" – das war die Faustregel, mit der die Teilnehmer aus der Bundesrepublik im Mai 1963 vom zweiten Parteitag der illegalen KPD zurückkamen, der in Klein-Machnow bei Berlin stattgefunden hatte.

Legal für diese verbotene Partei zu arbeiten, heißt nichts anderes als an den Grundpfeilern unserer freien Demokratie zu sägen, als eben angeht, ohne daß eine strafbare Tätigkeit nachweisbar wird. Wie geht das vor sich? Senator Helmut Schmidt, Präses der Hamburger Behörde für Inneres, gab einen Überblick über das, was dem Verfassungsschutz bekannt ist:

Anfang 1964 bekamen die kommunistischen Bezirksorganisationen im Bundesgebiet die Weisung, alle Mitglieder der KPD zu verpflichten, sich in Betrieben, Betriebsräten und Gewerkschaften öffentlich als Kommunisten zu bekennen. Auch jene Funktionäre, die geheime Funktionen bekleideten, sollten sich gleichzeitig "offen" betätigen. "Die Aufhebung des Verbots unserer Partei ist in erster Linie davon abhängig, wie jeder Kommunist Tag für Tag durch seine legale politische Tätigkeit das Verbot der Partei durchbricht", hatte Max Reimann zuvor in einem Artikel geschrieben, der in "Wissen und Tat" veröffentlicht worden war. Im Januar forderte Reimann in einem Brief an den Bundeskanzler, das KPD-Verbot aufzuheben. Außerdem gab er Wochenblättern in der Bundesrepublik Interviews.

Solche Interviews sind nur die eine Art von Versuchen, in der bürgerlichen Presse zu Wort zu kommen. Beliebt sind auch Leserbriefe, in denen sich Schläue als Torheit und arglose Frage tarnt. Aber die Kommunisten haben auch ihre eigenen Blätter. In der Bundesrepublik gibt es deren zehn mit einer Gesamtauflage von 65 000 Stück. Das in Hamburg erscheinende Blatt heißt mit einem plattdeutschen Namen "Blinkfüer". Von volkstümlicher Betulichkeit verspricht man sich etwas. Eine Betriebszeitung der Betriebsgruppe Hafen nennt sich darum auch "De Hob’narbeiter", zu hochdeutsch "Der Hafenarbeiter".

Entschieden anspruchsvoller sind die Namen der sogenannten Bildungszirkel, in denen Vorträge gehalten und Druckschriften verteilt werden, darunter auch in der Sowjetzone herausgegebenes Lehrmaterial für die Schulung der westdeutschen Kommunisten. In Hamburg gibt es zur Zeit zehn solcher Bildungszirkel. Sie heißen Studio, Studiengruppe, Bildungsverein, Bildungszirkel, oder Arbeitskreis. An ihren etwa alle zwei bis drei Wochen stattfindenden Zusammenkünften nehmen durchschnittlich zwölf Personen teil, bei Referaten prominenter Redner zuweilen vierzig, in Ausnahmefällen hundert. Ziel der Arbeit dieser Zirkel ist "die Ausbildung klassenbewußter Führungskräfte für den Tag X" – wie es ein hoher Funktionär formulierte.

Ein großes Veteranen- und Erinnerungstreffen der aktiven Teilnehmer am kommunistischen Putsch vom Oktober 1923 fand letzten Oktober in den Keller-Tagungsräumen des Hamburger Hotels Norge in der Schäferkampsallee statt. Einhundertvierzig Personen waren erschienen, die – nur die angekündigte Podiumsdiskussion erwartend – durch das Auftreten von Willi Bredel als prominentestem Redner überrascht wurden. Bredel ist Mitglied des ZK der SED und Präsident der sowjetzonalen "Deutschen Akademie der Künste". Er stammt aus Hamburg und forderte seine Hamburger Genossen auf, den Aufstand von 1923 zu studieren, um für die Zukunft daraus zu lernen.