Von George Ball bis Kurt Schmücker haben sich die Vertreter der großen Industrieländer bei der Genfer Welthandelskonferenz der Vereinten Nationen als sorgende Väter erwiesen, die den jungen Staaten wohlwollende Ermahnungen mit auf den Weg geben wollen. In richtiger Erkenntnis der Tatsache, daß nach Ostern in Genf der große Angriff der Entwicklungsländer auf die Industriestaaten beginnen wird, haben die Delegationschefs der westlichen Länder nicht mit Kritik an der Wirtschaftspolitik der jungen Staaten gespart.

Der vorsorgliche Gegenangriff der Industriestaaten hat durchaus seine Berechtigung. Die Entwicklungsländer, die als Fordernde nach Genf gekommen sind, haben es bisher an klaren Erklärungen darüber fehlen lassen, welche Anstrengungen denn nun sie selbst unternehmen wollen, wenn ihnen die Industriestaaten noch mehr als bisher entgegenkommen. George Ball kritisierte zum Beispiel, daß Privatkapital in vielen Entwicklungsländern noch immer diskriminiert und gefährdet ist. In der Tat machen es sich die jungen Staaten zu einfach, wenn sie die Beseitigung ihrer Kapitalarmut praktisch ausschließlich von der staatlichen Entwicklungshilfe erwarten. Sie hätten in Genf eine Magna Charta des Eigentums mit Garantien gegen Enteignung und andere Eingriffe vorlegen können, um auf diese Weise mehr Privatkapital in ihre Länder zu locken.

Der Vorwurf mangelnder Eigeninitiative wird jedoch die Entwicklungsländer nicht davon abhalten, zum Frontalangriff gegen die Industriestaaten vorzugehen. Schon in der ersten Konferenzwoche hat sich gezeigt, daß wichtigster Punkt der Diskussion eine Neufestsetzung der Rohstoffpreise sein wird. UN-Generalsekretär U. Thant hat in seiner Eröffnungsrede ganz unverblümt davon gesprochen, daß die Entwicklungsländer eine neue internationale Organisation wünschen, die den Handel mit Rohstoffen zu hohen Festpreisen und mit festen Abnahmegarantien in die Hand nimmt.

So entsteht die paradoxe Situation, daß sich die Entwicklungsländer auf der einen Seite zu Sprechern eines freien Welthandels machen (was den Abbau der Schutzzölle der Industriestaaten betrifft), auf der anderen Seite aber einen rein planwirtschaftlich organisierten Handel mit Rohstoffen wünschen. Die Schwäche der Position der Industriestaaten liegt darin, daß sie in Genf, keine ähnlich einheitliche Linie beziehen können wie die Entwicklungsländer.

So sind zum Beispiel die Franzosen bereit, den Forderungen nach einer Neuorganisation des Rohstoffhandels weitgehend entgegenzukommen – möglicherweise auch nur in der Erwartung, daß sie den Scheck, den sie in Genf präsentieren, sowieso nie einlösen müssen. Bundeswirtschaftsminister Kurt Schmücker dagegen hat ebenso wie der belgische EWG-Sprecher zwar eine "Prüfung" dieser Vorschläge zugesagt, aber doch deutlich zu erkennen gegeben, daß die Bundesrepublik keinen reglementierten Rohstoffhandel wünscht,

Die Entwicklungsländer, die nicht hoffen können, mit ihren Vorschlägen für weitgehende Zollbegünstigungen in Genf durchzukommen, werden dafür mit um so größerem Nachdruck versuchen, wenigstens bei den Rohstoffpreisen Teilerfolge zu erzielen. Die Industriestaaten können zwar darauf verweisen, daß die vielgelästerten exklusiven Klubs wie das GATT oder die EWG entscheidend zu einer Ausweitung des Welthandels beigetragen haben. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß die ständig sinkenden Rohstoffpreise den Erfolg der Entwicklungshilfe oft zunichte machen. Der so wünschenswerte freie Wettbewerb auf dem Weltmarkt erweist sich hier als Feind der Aufbaubemühungen in den jungen Ländern – ein Problem, für das die Industriestaaten nur gemeinsam eine Lösung finden konnten.

Diether Stolze