Von Karl-Heinz Janßen

Sie leben mitten unter uns, verfemt, verfolgt, verachtet. Wir glauben, sie zu kennen, aber wir wissen wenig von ihnen. Was wir kennen, sind Verleumdungen, Verdächtigungen, Vorurteile – und den Paragraphen 175 des Strafgesetzbuches. In unserem Rechtsstaat werden weder Hexen verbrannt noch Juden vergast oder Neger gelyncht. Aber einer Minderheit ist es immer noch bei Strafe untersagt, ihrer Veranlagung gemäß zu leben. Dieser Gruppe, den Homosexuellen, macht unsere Gesellschaft das Leben zur Qual. Strafbestimmungen, geboren aus dem Geist verflossener Jahrhunderte, aber schon bei ihrer Niederschrift nicht mehr unumstritten, begünstigen noch heute das trübe Handwerk von Spitzeln, Denunzianten und Erpressern.

Die Hoffnung, der Gesetzgeber möge im Entwurf des neuen Strafgesetzbuches endlich vom fragwürdigen Begriff der "guten Sitten" abkommen, hat sich nicht erfüllt. Aber die Diskussion über die Pragraphen 175 des Strafgesetzbuches und 216, im Entwurf zum neuen Strafgesetz, ist nicht mehr aufzuhalten. Während die katholische Kirche noch an der Lehre festhält, die Fortpflanzung sei der primäre Zweck der Ehe und des Sexualverkehrs, zeigt sich die evangelische Ethik neuerdings anderen Auffassungen gegenüber, die der Selbstverwirklichung des Menschen in sexuellen Partnerschaften den gleichen Rang zubilligen, liberal. Der angesehene evangelische Furche-Verlag ließ jüngst Theologen, Ärzte, Psychologen, Soziologen und Juristen in einem Symposion über "den homosexuellen Nächsten" zu Worte kommen. Die am weitesten reichenden Konsequenzen aus der veränderten ethischen Sicht zog der Hamburger Arzt Dr. Willhart S. Schlegel, Leiter des einzigen deutschen Instituts für Konstitutionsbiologie und menschliche Verhaltensforschung.

"Sie plädieren dafür, gegenüber der Homosexualität und sogar gegenüber der Päderastie Duldsamkeit zu üben, sofern sie sich auf geschlechtsreife Jugendliche bezieht, völlig freiwillig und ohne Erregung öffentlichen Ärgernisses vollzogen wird. Sie erheben diese Duldsamkeit geradezu zur christlichen und rechtsstaatlichen Pflicht. Was gibt Ihnen den Mut dazu und das Recht?"

"Entscheidend ist die naturwissenschaftliche Erkenntnis, daß das Sexualverhalten des Menschen, vom Eintritt in die Geschlechtsreife an, durch Instinkte gesichert und gesteuert wird. Sobald die Pubertät eingesetzt hat, etwa bei den Vierzehn-bis Fünfzehnjährigen, läßt sich niemand mehr zu irgendwelchen Handlungen verführen, der nicht verführt werden will. Eine instinktive Ekelschranke schützt vor unerwünschter Annäherung. Annähernd fünfzig Prozent der Männer sind irgendwann homosexuell ansprechbar; bei ihnen muß also die Bereitschaft und die Bedürftigkeit vorhanden sein. Bei den Frauen sind es weniger."

"Normalerweise sind aber die Schätzungen wesentlich niedriger; man spricht von etwa drei bis fünf Prozent der männlichen Bevölkerung. Professor Schoeps nennt für Deutschland die Zahl von einer bis anderthalb Millionen Homosexuellen. Wie erklären sich Ihre auffallend hohen Ziffern?"

"Ich muß hier ein Mißverständnis korrigieren: Man darf nicht nur von der ausschließlichen Homosexualität ausgehen, man muß statt dessen die großen Gruppen von Menschen einschließen, die irgendwann einmal mehr oder weniger häufig oder stark ein homosexuelles Erleben gehabt haben. Für sie gibt es kein Entweder-Oder, eines braucht das andere nicht auszuschließen."