Mr. Hogg und Mr. Wigg – oder die Spielregeln der Demokratie

London, im April

George Wigg ist in Westminster ein geachteter und gefürchteter Mann. Wenige englische Abgeordnete sind im Dschungel parlamentarischer Prozedur so zu Hause, kennen sich im Gestrüpp der Geschäftsordnung so aus, wie dieser ehemalige Offizier der regulären Armee, der seit dem Ende des Krieges für die Labour-Partei im Unterhaus sitzt. Mehr als eine parlamentarische Blamage der Tories geht auf sein Konto. Nur ihm gelang, Macmillan eines faktischen Schnitzers in einer Unterhausrede zu überführen (das Thema war Polaris); und er war es auch, der die Profumo-Affäre entdeckte und aufdeckte. Freunde schenkten diesem Koch, der seinen Gegnern so böse Suppen einbrockt, einen großen hölzernen Kochlöffel als Symbol ihrer dankbaren Anerkennung. Er hängt nun in seinem Vorzimmer.

Als George Wigg einen hohen Minister Ihrer Majestät bezichtigte, am 19. März bei einer konservativen Versammlung in der Provinz, in Chatham, Sätze ausgesprochen zu haben, welche eine Verletzung parlamentarischen Privilegs und eine Mißachtung des Unterhauses bedeuteten, da tat es ihm vielleicht nicht leid, daß der Beschuldigte gerade Quintin Hogg war. Der jähzornige Lord-Präsident des Staatsrates, Minister für Erziehung und Wissenschaft, bis vor kurzem Lord Hailsham, ist kein Mann nach jedermanns Geschmack. Es ist nicht lange her, seit George Wigg selbst ihn vor versammeltem Unterhaus "einen verlogenen Schwindler" nannte.

Der angeklagte Ankläger

Aber "breach of privilege" ist eine so ernste Beschuldigung, daß persönliche Gefühle dabei natürlich keine Rolle spielen. Würde eine solche Bezichtigung leichtfertig vorgebracht, dann wäre eine höchst ungünstige Reaktion der Öffentlichkeit sicher. Als Mr. Speaker – Sir Harry Hylton-Foster im vollen Pomp seiner Amtsrobe und Perücke – 24 Stunden nach der Bezichtigung verkündete, er finde tatsächlich, daß der Verdacht nicht von der Hand gewiesen werden könne, ein breach of privilege sei begangen worden, da wußten die Abgeordneten auf der Linken des Hauses, daß George Wigg wieder einmal Recht gehabt hatte. Denn Mr. Speakers Befund bedeutet, daß Quintin Hogg sich vor dem Privilegien-Ausschuß des Unterhauses zu verantworten hat. Die Macht dieses Komitees kann man daraus ersehen, daß es im Jahre 1947 einen Abgeordneten wegen erwiesener Mißachtung des Unterhauses aus dem Parlament ausstieß. Der Abgeordnete, dessen Karriere so endete, gehörte der Labour-Partei an; er hieß Garry Allighan; der Name des damaligen Anklägers: Quintin Hogg.

Unmittelbar nach George Wiggs Beschuldigung hatte Quintin Hogg mit seinem üblichen Temperament argumentiert, daß die Bezichtigung den bedenklichen Versuch darstelle, die allgemeine Redefreiheit zu beschränken, denn er habe in Chatham nichts gesagt, was sich als Mißachtung des Parlaments deuten lasse. Doch 24 Stunden später machte sich Mr. Speaker – nach Amt und Würde zwar unparteiisch, der Gesinnung nach aber konservativ – diese Überzeugung des Lord-Präsidenten nicht zu eigen. Er fand dessen Bemerkungen in Chatham fragwürdig genug, um sie an das "Committee of Privileges" weiterzuleiten. Da es sich hier um die Spielregeln der Demokratie handelt, ist das interessanteste an dem Fall vielleicht eben, daß ein Mann wie George Wigg mit einiger Sicherheit damit rechnen kann, ein Mann wie Sir Harry Hylton-Foster werde so befinden.