Von Willi Bongard

Herr Bundesverkehrsminister, haben Sie schon einmal in der Nacht festzustellen versucht, auf welchem Bahnhof Sie sind, wenn der Zug gehalten hat und die Station nicht ausgerufen worden ist?" Diese Frage des Abgeordneten Stingl in der Bundestagssitzung vom 29. Juni 1962 parierte der Bundesminister für Verkehr, Dr. Ing. Seebohm, mit der ihm eigenen Süffisance: "Herr Kollege, mir fällt das nicht so schwer, weil ich viele von diesen Bahnhöfen mit einem Blick erkenne, wenn ich aus dem Fenster schaue. Aber wenn ich z. B. auf dem Bahnhof Karlsruhe ankomme, habe ich immer das Gefühl, daß diese Stadt Kaloderma heißt..." Womit er im Bundestag jene, ach so seltene Regung auslöste, die im Protokoll mit "Heiterkeit" vermerkt zu werden pflegt.

Die Gerechtigkeit immerhin gebietet es festzustellen, daß sich dem Reisenden auf dem Bahnhof in Karlsruhe heute ebenso viele Stationsschilder wie "Kaloderma-Reklamen" präsentieren, womit das Risiko, sich in "Kaloderma" zu wähnen, praktisch auf die Hälfte vermindert wäre. Davon abgesehen wird man der Firma Wolff 81 Sohn zugute halten müssen, daß sie durch ihre Reklame mit den traditionellen Hausfarben Grün/Weiß für die einzigen Farbtupfen in dem sonst so eintönigen Bahnhofsgrau sorgt. Allerdings fragt es sich, ob die Firma Wolff 81 Sohn wirklich gut daran tut, ihre Firmenmarke in die Nachbarschaft eines Verkehrsmittels zu bringen, das aus dem vorigen Jahrhundert stammt.

Aber es könnte ja sein, daß das Karlsruher Markenartikelunternehmen in diesem Punkt bewußt auf Tradition hält, zumal sich die Geschichte dieser Firma bis in das Jahr 1857 zurückverfolgen läßt. Strenggenommen sogar bis 1835. Damals begann der Gründer des Unternehmens, Ludwig Gottlieb Friedrich Wolff, mit der Fabrikation von Parfümerien und Seifen. Als Friseur hatte er angefangen – und damit, seinem Familiennamen ein zweites "f" hinzuzufügen.

In Karlsruhe gab es offenbar zuviel "Wölfe", als daß er sich sonst vorteilhaft genug von seinen Namensvettern unterschieden hätte. Die Tatsache, daß er in der Welt herumgereist war und englische und französische kosmetische Erzeugnisse importierte, sollte – seit 1829 – in seinem Namen gebührend Ausdruck finden. Womit Ludwig Gottlieb Friedrich Wolff seine markentechnische Begabung zum ersten Male unter Beweis stellte.

Markentechnik ist im Grunde nichts weiter als die Kunst, sich möglichst vorteilhaft – von der Konkurrenz – zu unterscheiden, und zwar durch Qualität und Aufmachung des Angebotes. Es erscheint freilich mehr als fraglich, ob sich Wolff, als er im Jahre 1857 zusammen mit seinem Sohn, dem späteren Kommerzialrat Friedrich Wolff, das Unternehmen gründete, über dieses Prinzip im klaren war. Lehrbücher über Markentechnik gab es jedenfalls damals noch keine. Er wird sich also von seinem Instinkt, allenfalls von einigen wenigen Vorbildern haben leiten lassen. Der Zufall dürfte außerdem eine nicht geringe Rolle gespielt haben, beispielsweise der, daß da ein Gymnasiallehrer in der Familie war, der sich die Markenbezeichnung "Kaloderma" einfallen ließ (Griechisch: calos = schön; derma = Haut).

Diese Markenbezeichnung zählt zu den ältesten der Körperpflegemittelindustrie, damals noch Parfümierartikel genannt. Sie erreichten binnen kurzem das, was in Festschriften "Weltruf" genannt wird. Und zwar zunächst als "Kaloderma-Rasierseife". In späteren Jahren, vor allem nach dem Ersten Weltkrieg, war es jedoch eine als "Gelee" deklarierte Handcreme, die unter diesem Phantasienamen Karriere machte, d. h. Umsatz und Gewinne brachte. Die Firma Wolff & Sohn erlebte mit diesem und anderen Artikeln einen ungeahnten Aufschwung, der durch die Weltwirtschaftskrise nur vorübergehend unterbrochen wurde.